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ZYKLON – REFLEXIONEN ZUR JAHRTAUSENDWENDE IV

1. Dezember 1993 – 23. Dezember 1993

Helmut & Johanna Kandl (AT)

Schwerpunkt: ZYKLON – REFLEXIONEN ZUR JAHRTAUSENDWENDE 1993

In einer von einem Dezimalsystem bestimmten Gesellschaft sind Dezennien oder gar Millennien magische Zahlen, Schicksalsdaten gewissermaßen, die mystisch aufgeladen und meist als katastrophale Zäsuren gehandelt werden. Die FOTOGALERIE WIEN hat mit ihrer vierteiligen Ausstellungsserie Zyklon versucht, eine (teilweise intentionale) künstlerische Skizzierung des kommenden millenischen Datums zu leisten. Drei Personalausstellungen sowie eine Gruppenausstellung von Arbeiten junger StudentInnen an der Hochschule für angewandte Kunst und der Akademie der bildenden Künste in Wien (kuratiert von Birgit Jürgenssen und Herwig Kempinger) wurden präsentiert. Architektur, Krieg, Archiv, Zeit, Körper, Zeichen, multikulturelle Gesellschaft, Katastrophe sowie formal-ästhetische Aspekte bildeten dabei den thematischen Rahmen, der photokünstlerisch reflektiert wurde. (Carl Aigner)

In der vierten und letzten Ausstellung wurden Arbeiten des Künstlers Leo Kandl präsentiert.

„ … So meinte man, jähe Entschlossenheit dem blauen Samt anzusehen, eine Stimmung der Zugänglichkeit im weißen Taft zu erkennen, und glaubte, etwas wie letzte, vornehme Reserviertheit in der Art, etwa den Arm auszustrecken, habe, um recht sichtbar zu werden, den strahlenden Glanz des Lächelns, von dem die ganz großen Opfer begleitet sind, in der Gestalt von schwarzem Crêpe de Chine angelegt. Gleichzeitig aber fügte diesen so lebendig wirkenden Kleidern das Raffinement der ,Garnituren‘ ohne praktischen Nützlichkeitswert und ohne sichtbaren Grund überhaupt etwas Selbstloses, Nachdenkliches und Geheimes hinzu … fand man auf dem Kleide selbst ein farbiges Muster, das sich auf einem Einsatz aus anderem Material fortsetzte, etwa eine Reihe kleiner Seidenknöpfe, die nichts knöpften und auch nicht aufgeknöpft werden konnten, oder einen Soutachebesatz …“ (Marcel Proust)

Diese und ähnliche Textstellen Marcel Prousts haben sich mir vor Leo Kandls jüngsten Fotografien geradezu in den Weg gestellt – obwohl Proust von weiblicher Kleidung spricht und Kandl vor allem männliche thematisiert, obwohl der Dichter mit der Trägerin des Beschriebenen vertraut war, der Fotograf „namenlose“, vom Trödler stammende Objekte vor sich hat. Marcel Prousts Blick auf Kleidungsstücke ist geprägt vom Fluß der Gedanken, die zwischen dem Konstatieren materieller Gegebenheiten und Reihen von weit schweifenden Assoziationen pendeln. Sie finden bestimmte Charakterzüge im Arrangement der Kleidung bestätigt, wandern zur verselbständigenden Interpretation von Details, um in Erinnerungen zu münden. Vor allein jene Bilder mit knappen Ausschnitten, die keinen Blick auf den Hintergrund freigeben, wo Oberflächenstruktur und Volumen, Schnitt und Muster nicht nur die Bildfläche füllen, sondern wir mit ihr verschmelzen, scheinen den Betrachter in ähnlicher Weise zu führen wie die Sätze Prousts. Wir sind so nahe, daß wir den Überblick verlieren, über der Anhäufung von Details bleibt uns schmerzlich bewußt, nur mit einem Ausschnitt konfrontiert zu sein.

Die Fülle an Informationen kann jederzeit in ein abstraktes Muster umschlagen. Hier wölbt sich eine Reihe unterschiedlich tiefer Falten, kerben sich Nähte wie mit dem Messer gezogene Schnitte in die rauhe Stofflichkeit des Tweed, stoßen Muster aus mehreren Richtungen aufeinander. Hier werden auch der Tast- und vielleicht der Geruchsinn angesprochen, als könnten Finger über das grobe Gewebe gleiten, könnte die Nase einen Hauch von Abgestandenheit und Staub verspüren. Je nach dem, welche Bilder und in welcher Abfolge Leo Kandl sie präsentiert, sie in Rahmen oder als Laser-Prints direkt an die Galeriewände „tapeziert“, erhält das Ensemble eine jeweils eigene Tönung – von der Stille, vielleicht Zärtlichkeit, bis zum Schrillen, Aggressiven, zum Abstoßenden.
Unversehens verknüpfen sich mit der Anschauung des Objekts – das mit seiner Abbildung in fast naiver Weise zu identifizieren wir uns in raffinierter Weise gedrängt sehen – Momente der eigenen Vergangenheit, Angelesenes, Phantasiertes. In der Tiefe der Falten nisten Geheimnisse, der Blick fällt in ein stufenloses Schwarz, eine stumpfe Enklave des Nichts, aus dem man sich nur unter Mühen auf die Höhen der Faltenkämme zu retten vermag. Sie geben Hinweise, mit welchen Geschichten wir jene Jacke, jene Hose in unserer Phantasie verweben werden, sie erzählen von jahrelangem Gebrauch und der Vergänglichkeit modischer Trends. Gleichzeitig vermögen sie uns von einer Dynamik zu überzeugen, die dem Moment des Fotografiertwerdens vorangegangen sein mag: Die Tiefe dieser Einbuchtung des Stoffes, jener Knick im Ärmel scheinen nicht vom Künstler willkürlich oder nach formalen Gesichtspunkten angeordnet, wir vermuten uns auf den Spuren eines Geschehens, so dramatisch oder trivial es auch sei. Das Objekt der Kunst verwandelt sich in ein Corpus delicti. (Monika Faber)