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Ausstellungen

PORTRAIT III

STEFAN DOLFEN / KLAUS FRITSCH / JITKA HANZLOVA / INES NIKOLAVCIC / EDDY SEESING / ARMIN SMAILOVIC

7. September 1995 – 30. September 1995

Stefan Dolfen (DE), Klaus Fritsch (DE), Jitka Hanzlova (CZ), Ines Nikolavcic (AT), Eddy Seesing (NL), Armin Smailovic (DE)

Kataloge | Schwerpunkt: PORTRAIT 1995

Der Schwerpunkt 1995 ist dem fotografischen Porträt gewidmet. Seit der (noch immer falsch gelesenen) Geschichte von Narziß wissen wir, daß es zum humanen Sein gehört, über sich selbst „im Bilde“ zu sein. Und wenn wir die Erfindung der Photographie etwas akzentuiert interpretieren, könnten wir sagen, daß sie nur deshalb erfunden wurde, damit wir noch „besser“ über uns „im Bilde“ sind (was noch lange nicht bedeutet, daß man/frau sich deshalb besser „wahrnimmt“). 

Erweiterte Portraits: Verstehen sich „klassische“ Portraits primär als auf das Gesicht bzw. den Körper bezogene Arbeiten (1), so können erweiterte (2) Portraits als „Kontextualisierung“ der Portraitdarstellung selbst bezeichnet werden: Die portraitierte Person definiert sich in der Darstellung nicht mehr nur als Person per se, sondern als personales/privates oder kollektiv/öffentlich „situiertes“ Ambiente. 

Fragen des Verhältnisses von Gesellschaft und Portrait, von Gesellschaft, Individuum und Bild bestimmen den dritten Teil der Ausstellungsserie Portrait. Die visualisierte Bezüglichkeit des Einzelnen kann so auch in strukturaler Hinsicht als dezentralisierte und desubjektivierte Konzeption des Subjekts verstanden werden, als Wechselspiel von „Text“ und „Kontext“, das letztendlich jede soziale und personale Identität konstituiert.

Stefan Dolfen reflektiert in seiner Installation den persönlichen, sozialen Kontext von Familie und Freundeskreis. Seine alle gängigen Regeln eines „gelungenen“ Bildes durchbrechenden Bildstrategien präsentieren Personen, die sich nicht allein im Bild darstellen, sondern in der Atmosphäre und Befindlichkeit des Alltäglichen, Banalen skizziert werden.

Klaus Fritsch arbeitet mit zufällig aufgefundenem, historischem Photobildmaterial; es handelt sich dabei großteils um private Reisebilder von einem Ehepaar, das sich in allen erdenklichen, gestellten Situationen (gegenseitig) photographierte und die witzige, manchmal auch verspielte Dokumente über die Lust, selbst im Bilde zu sein, darstellen.

Jitka Hanzlova portraitiert verschiedenste Erwachsene und Kinder aus dem kleinen tschechischen Dorf Rokytnik, die sie in ihren jeweiligen Lebenssituationen zeigt, die deren Leben we-sentlich mitgeformt haben. Diese behutsam gemachten Aufnahmen geben aber auch einen Blick frei auf die dörfliche Geschichte dieser Personen und der Fotografin selbst.

Momente des Verhältnisses von Text und Bild sind konstitutiv bei den Arbeiten von Ines Nikolavcic. Portraits aus ihrem Freundeskreis werden mit Textpassagen aus einem erotischen (pornographischen?) Buch überblendet, welche die Portraitierten selbst ausgewählt haben; Begehren, Bild und Darstellung vernetzen sich dabei zu einer Portraitkonstruktion von Phantasie und Realem zwischen Portrait und Autobiographie (wie in anderer Weise auch bei Hanzlová).

Auch die Arbeiten von Eddy Seesing definieren sich durch ihre Sujets letztendlich autobiographisch; er setzt sich mit Topmanagern auseinander, die er immer mit deren Chefsessel schematisch portraitiert; diese minimalistischen Präsentationen vermitteln einen sehr persönlichen Zugang zu dieser sozialen Welt einer Wirtschaftselite.

Konträr dazu definieren sich die Photographien von Armin Smailovic. Portraits von nach sozialer Orientierung suchender Personen aus seinem Freundeskreis bzw. seiner Generation werden mit desolaten, abgefuckten Örtlichkeiten konfrontiert; es sind Photogramme einer etwa 1968 geborenen Generation, deren Erwachsenwerden und Identität bereits durch die post-kommunistische Situation mitgeprägt wurde.

Diese „Erweiterten“ Portraits markieren Schnitt- und Bruchstellen dessen, was wir gemeinhin als Portrait be-zeichnen, indem sie einerseits darauf rekurrieren, andererseits es referentialisieren und das Verhältnis von Absenz und Präsenz (re-)kontextualisieren. Um es weniger theoretisch zu formulieren: wir vermögen damit über die Portraits hinauszusehen …

(textliche Betreuung: Carl Aigner)

1 Siehe dazu etwa die Arbeiten von Elfriede Mejchar, mit der die Ausstellungsserie Portrait in der FOTOGALERIE WIEN begonnen wurde; vgl. dazu auch BILDER Nr. 109/95.
2 In einigen Aspekten folgen wir mit diesem Begriff der hierzulande ein wenig in Vergessenheit geratenen Publikation „Erweitete Fotografie, hrsg. von der Wiener Secession, Wien 1981, die als Ausstellung von Anna Auer und Peter Weibel konzipiert wurde.