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Ausstellungen Austausch

KORRELATIONEN I – FINNISCHE KÜNSTLER_INNEN IN DER FOTOGALERIE WIEN

Austausch, Teil I

14. Mai 2002 – 19. Juni 2002

Miklos Gaal (FI), Tiina Itkonen (FI), Aino Kannisto (FI), Pertti Kekarainen (FI), Toni Kitti (FI), Jorma Puranen (FI), Ari Saarto (FI), Perttu Saksa (FI), Marja Prilä (FI)

Die FOTOGALERIE WIEN führt jährlich einen Kunstaustausch mit einer ausländischen Galerie oder Institution durch, 2002/2003 mit Finnland. In Teil I des Austauschprojektes mit dem Titel KORRELAATIOITA/ KORRELATIONEN, sind die finnischen Positionen in der FOTOGALERIE WIEN und – auf unsere Vermittlung hin – im Dezember 2002 im Fotoforum West in Innsbruck zu sehen. Teil II zeigt die österreichischen Positionen in Finnland im Northern Photographic Center in Oulu und im Peri – Centre of Photography in Turku.

KuratorInnen:
Päivi Rajakari (Kuratorin), Kirsi Väkiparta (Leiterin von Av-Arkki – Distribution Center for Finnish Media Art, Helsinki), Arja-Liisa Räisänen (Leiterin des Northern Photographic Centre, Oulu) und das Kollektiv der Fotogalerie Wien.

Das Aufeinanderbezogensein von zwei Begriffen oder Dingen. Die Ausstellung Korrelaatioita zeigt Fotografien von neun KünstlerInnen aus Finnland, deren Arbeiten vorwiegend in den letzten drei Jahren entstanden sind. Es werden dabei gleichzeitig und parallel verlaufende Entwicklungen aufgezeigt, wobei trotz der Eigenständigkeit der Arbeiten zu den zwei Themen „Identität“ und „Raum“, spannende Korrespondenzen sichtbar werden.

Miklos Gaál behandelt Dinge als anonyme Einheiten. Aus der Ferne betrachtet, lösen sich die besonderen Merkmale eines Subjekts auf, eine separate Einheit enthält keine nennenswerten Emotionen und wird konzeptualisiert. In seiner Serie Imitation des Lebens hat Gaál Vorgänge in Menschengruppen, Ansammlungen im städtischen Raum beobachtet. Seine neutrale Distanz erzeugt eine befremdende Sicht auf eigentlich Vertrautes.

Tiina Itkonen reiste 1995 nach der Lektüre einer Geschichte über die grönländische Gottheit Sassumap Arnaa, der Mutter des Meeres, zum ersten Mal nach Grönland. Ihre Suche nach der Mutter des Meeres führte sie dabei zu den Polareskimos im Nordwesten Grönlands, bei denen sie sich länger aufhielt. Diese haben sich selbst den Namen „Inughuit“ gegeben: „schöne und herrliche Menschenwesen“. Die Lebensweise der Inughuits, die Friedlichkeit und die Stille der Eisfläche waren für Itkonen Anlaß, 1998 in dieses nördliche Land zurückzukehren. Auf ihren Reisen entstanden die beiden Fotoserien Das Land der Inughuit und Avannaa – der Norden.

Aino Kannisto konstruiert Bilder. Sie baut fiktive Szenen und fotografiert diese. Akteurin in den Bildern ist sie selbst, doch handelt es sich nicht um Selbstportraits im herkömmlichen Sinne. Die Bilder sind Phantasien und stellen eine Atmosphäre oder Stimmung dar. Phantasie ist ein Mittel, um über Gefühle zu sprechen. Aino Kannisto beschreibt das folgendermaßen: „Kunst zu machen ist für mich eine Möglichkeit, auf das Sein und die Welt zu reagieren. Ich bin mit meiner künstlerischen Arbeit dadurch verbunden, in dem ich ein permanent wahrnehmender und reagierender Mensch bin. Ich kann genauso wenig aufhören zu arbeiten wie ich aufhören kann, in der Welt zu denken oder zu existieren“.

Pertti Kekarainens Interieurs sind menschenleer. Die Aufnahmen unscharf und verschwommen und verweigern die der Fotografie zugesprochene Wirklichkeitstreue. Kekarainen spricht von der „fließenden Umschreibung“ der Objekte. Wichtig ist ihm hierbei erwähnt zu wissen, daß er ohne jegliche digitale Manipulation operiert. Die auf rein chemischen Weg erzielten Unschärferelationen initiieren einen Dialog der Dinge, Objekte, mit dem Raum und dem Bild. Es gibt kein Zentrum innerhalb des Bildes, sondern irritierende Punkte aus farbigem Licht, die quasi an der Bildoberfläche schwimmen. Der Künstler verwandelt Raum-Objekt-Bild in etwas, das sowohl die Fotografie als auch unsere Perzeption generell in Frage stellt.

Toni Kittis Serie Fonix ist eine Portraitserie seines Freundes Felix und dessen transsexueller Entwicklung – Depression und Leben – , von der er als Freund und gelegentlich auch als Fotograf Zeuge ist. Mit seinen Bildern will Toni diesen ganz besonderen Menschen mit den zahlreichen Facetten seiner Persönlichkeit darstellen. Er betrachtet Felix wie einen Star auf der Bühne, weil er das unglaubliche Talent hat, völlig ungehemmt und selbstsicher vor der Kamera zu agieren.

Wenn Marja Prilä aus einer Wohnung eine Camera Obscura, einen verdunkelten Raum, macht, in dem die Außenwelt auf dem Kopf stehend auf die Wände projiziert wird, spielt sie mit einer uralten Erfindung. Das Fenster ist kein Guckloch mehr, sondern wird zum wechselseitigen Portal zwischen Innen und Außen. Der Außenraum springt mit unwiderstehlicher Macht in den Innenraum, in den persönlichen Bereich. Ihre Bilder sprechen von der Tatsache, daß die Landschaft, die wir aus dem Fenster sehen, nicht draußen ist, sondern in uns. Ihre Räume sind von einer Magie erfüllt und erhellt, die die Identität des postmodernen Individuums – die heute schwieriger denn je zu definieren ist – beschreiben. (Text von Janne Seppänen, Auszug).

Jorma Puranen stellt in seiner Serie Language is a Foreign Country von 1998 –2001 die Landschaft als einen Ort der Phantasie dar, wo kulturelle Bedeutungen, die Menschen auf das Land beziehen, übermittelt werden. Puranens Arbeiten vermitteln, wie Sprache und Erzählung unentwegt unser Verhältnis zur Landschaft in den Mittelpunkt stellen – mit dem Ziel, in der Welt „Boden unter die Füße“ zu bekommen. Durch den Gebrauch von Worten und Fragmenten verschiedener Sprachen möchte er die Bereiche unserer Raum-/ Landschaftserfahrung ansprechen, die irgendwo zwischen unserer bildlichen Darstellung und sprachlichen Benennung anzusiedeln ist. Die Gesamterfahrung von Raum bleibt jedoch unübersetzbar.

Ari Saarto interessiert sich für die historischen Schichten innerhalb der Landschaft – insbesondere in Bezug auf die Werte, die Landschaft und Raum hinzugefügt werden. Das Bild eines Raumes kann auch als Bild der Seele und eines geistigen Prozesses gesehen werden. In den Randzonen von Sicherheit und Gewißheit urbaner Räume existieren Grauzonen, die Möglichkeiten von Bedrohung, Gefahr und Gewalt in sich bergen. Die Bilder aus „Topographie der Angst“ wurden nachts in Finnland und in Newcastle, Northumbria/UK gemacht. Anstelle soziologischer Prozesse ist hier der Raum das Objekt. Der Raum ist leer und voll von Möglichkeiten, wie eine Bühne ohne Schauspieler und Bühnenbild. Nur Spuren sind geblieben – von Menschen und Dingen die hier geschehen sein könnten.

Perttu Saksa erstellt in seiner Serie Sicherheit der Distanz Portraits junger Menschen in ökologische Gemeinden in Nordeuropa. Die politische Geschichte dieser Region hat einen schnellen Modernisierungsprozeß durchlaufen, und die ethnographischen Identitäten der Menschen waren mit vielschichtigen, dramatischen Veränderungen konfrontiert. In der idyllischen Umgebung am arktischen Ozean, weit von der Hektik der Städte entfernt, im Nirgendwo und in einem eingegrenzten Lebensraum werden die Sicherheit, zu einer Familie zu gehören, und die Bedeutung einfacher Dinge wichtig: körperliche Arbeit, essen, schlafen, lieben. Einerseits gibt es eine enge Verbindung dieser jungen Nomaden mit ihrer Landschaft und Vergangenheit, anderseits suchen sie nach Erneuerung ihrer Identität und Sicherheit durch Distanzierung zu ihrer eigenen Geschichte.

Seit den 1970er-Jahren hat die Fotografie in Finnland verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen und sich zu einem polyphonen, dynamischen und internationalen Bestandteil in der zeitgenössischen Kunst entwickelt. International gesehen ist das Ausbildungsniveau für Fotografie in Finnland sehr hoch. Die Kunstakademie in Turku, das Institut für Design in Lahti, die staatliche Kunstakademie und die Universität für Kunst und Design in Helsinki bieten verschiedene Studienmöglichkeiten – bis hin zum Doktoratsstudium – an. Von der Regierung, Art Councils und nationalen Stiftungen für Kunst und Kultur erhalten KünstlerInnen finanzielle Unterstützung, es werden Arbeits- und Projektstipendien für sechs Monate bis zu zwei Jahren angeboten. Einige dieser Stipendien sind im Speziellen der Förderung junger KünstlerInnen gewidmet und der Präsentation finnischer Fotografie im Ausland. Staatliche dreijährige Professuren für KünstlerInnen, aktive lokale Zentren für Fotografie mit angeschlossenen, professionell geführten Galerien und der Verein der finnischen Fotokünstler ermöglichen Flexibilität und bieten ein dichtes nationales und internationales Netzwerk für Künstschaffende.