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Ausstellungen

KÖRPER IV

7. Dezember 2000 – 13. Jänner 2001

Mariette Pathy Allen (US), H. H. Capor (AT), Martina Chmelarz (AT), Rita Fabsits (AT), Erich Lázár (AT), Anja Teske (DE)

Schwerpunkt: KÖRPER 2000

Die Schwelle zum neuen Jahrtausend ist von Konzeptionen des verschwindenden Körpers durchzogen, welche sich in den 1980er- und 1990er-Jahren und im Zusammenhang mit der Selbstdemontage des Menschen angesichts der technologischen Weiterentwicklungen zu manifestieren begannen. 1982 philosophierten Dietmar Kamper und Christoph Wulff über „Die Wiederkehr des Körpers”, dessen Verschwinden darin implizit als vorausgesetzt gilt, der kanadische Filmregisseur David Cronenberg hebt in seinen Film „Crash” den fragmentierten Körper hervor, dessen Kopulationsvermögen nur noch angesichts von Autounfällen möglich ist, und Paul Virilio vermutet die „Eroberung des Körpers” durch Informationsmedien und bioindustrielle Eingriffe. Die Konzentration der Gegenwartskunst auf eines der kontinuierlich wiederkehrenden Themen der Kunstgeschichte muß wohl auch vor dem Hintergrund der drohenden Entmachtung des Körpers gesehen werden.

Im vierten und letzten Teil des Themenzyklus Körper untersucht die Ausstellung fotografische Konzepte der Privatheit, wobei diese dem Öffentlichen nicht konträr, sondern in einer engen Beziehung gegenüberstehen. Bereits die banale Tatsache einer fotografischen Speicherung und der damit zusammenhängenden Multiplizier- und Manipulierbarkeit widerlegt jeden Anspruch auf das ultimativ Private und tritt vielmehr als Mischform des öffentlich Privaten und des privat Öffentlichen auf.

In den Privatbereich des „anderen“ Körpers dringt Mariette Pathy Allen mit ihrer Serie Tonye ein. Nach direkten Auseinandersetzungen mit Angehörigen einer transsexuellen Gemeinde, in der sie auf existentielle Identitätsfragen und damit zusammenhängendes Leid traf, stieß sie auf Tonye: Eine Frau, die sich einer Geschlechtsumwandlung aussetzte. Allen hielt die Momente vor der Operation, diese selbst und das angestrebte Ergebnis fest und enthüllte dabei den Körper als Schlachtfeld der geschlechtlichen und gesellschaftlichen Identität und den persönlichen Körperkampf der/des Dargestellten. Die stereotypen Vorstellungen von weiblich/männlich, schön/häßlich oder dünn/dick geraten in der transsexuellen Welt durcheinander und legen die „durchschnittliche“ simplifizierte Sichtweise des „normalen“ Körpers bloß. In dieser Fotoserie gelang es der Künstlerin die kritischen „Wohnmomente“ im Leib und den Moment der Wiedergeburt der dargestellten, „neuen“ Person aufzufangen.

Einer ihm nahestehenden Person hat  H.H.Capor auf den Leib „gesehen“. Die vorgestellten Fotografien sind von einer stark erotischen Komponente geprägt, die gleichsam mit den Worten des Künstlers als „Druckventil“ gelesen werden können. Die wiederkehrende erotische Annäherung an sein Modell und die Szenen, die für das „Danach des Liebesspiels stehen könnten, sind im Mittelpunkt. Die Phase der „Verliebtheit und Geilheit“ (Capor) gibt sich dabei privat öffentlich zu erkennen.

In zwei Videoarbeiten hebt Martina Chmelarz das Körperhafte an Schriftzügen hervor, die mittels 3-D-Animation in virtuelle Raumstrukturen eingebettet wurden. Das Beziehungsgeflecht zwischen Körper und Raum, Körper und Architektur und Körper und Gesellschaft hinterfragt die Künstlerin auch in anderen Arbeiten, deren Bilder sie in der vorliegenden Publikation fragmentartig mit ihren ausgestellten Videobändern in Beziehung setzt. Sowohl die Schriftzüge „Körper“ bzw. „body“ als auch künstlich kreierte Körperteile – in einer Anspielung an die „profane, manuelle“ Kreation des Menschen durch Frankenstein – existieren dabei ortslos und ohne die Frage nach dem Woher oder Wohin des zitierten Menschen zu beantworten. Chmelarz läßt vieles offen und provoziert gerade dadurch die Neugierde des Rezipienten, welcher dem Dahinterliegenden, dem Privaten auf die Spur kommen möchte.

Alltägliche Prozeduren der Körperzuwendung stehen im Zentrum der achtteiligen Fotoserie von Rita Fabsits. Das morgendliche Waschen, Abtrocknen und Pflegen des Körpers verweist auf die abseits der Modewelten existierenden Images und blendet stereotype erotische Männerblicke auf das Weibliche aus. „In der Art eines Zitats verweisen diese fotografischen Körper-Teil-Ansichten auf eine einmalige subjektive Befindlichkeit, zugleich sind sie Teil einer intersubjektiven (weiblichen) Erfahrung und Selbstwahrnehmung“ (G. Steinlechner).

In Erich Lázárs Fotoserie Private Eye bringt sich der Künstler als Beteiligter an der Zusammenstellung des abgelichteten Motivs ein und agiert als Vertrauter zwischen dem Abzulichtenden und dem Kameraauge. Demnach fällt die Wahl seiner Motive auf Bekannte und Freunde, auf ihren heimischen Mikrokosmos und die kurzen gemeinschaftlichen Ausbrüche daraus. Wenn seine Freundin – die gleichzeitig als sein Modell fungiert – von einem „gleichgültigen“ Blick spricht, dann meint sie zwar die Wahl der Motive, welche auf Lapidares ebenso wie auf Pornografisches fällt – nicht jedoch die Komposition desselben. Seine Bildgestaltung setzt das Motiv in Szene, sei es in der Verwendung des klassischen Goldenen Schnitts oder durch hinzugefügte Attribute, welche dem Gesehenen eine zusätzliche Narrationsebene eröffnen.

Auch Anja Teske konzentriert sich in ihrer Fotoserie Abschied auf persönlich Bekannte. Vor ihrem Auszug aus einer ihr viel bedeutenden Wohngemeinschaft suchte die Künstlerin nach einer geeigneten Form für das visuelle Speichern ihrer Erinnerungen. Sie fand diese in einer spezifischen Inszenierung, in der sie ihre Mitbewohner bat, in Unterwäsche zu posieren. Jede Person durfte sowohl die fotografische Position als auch die Art der Unterwäsche selbst auswählen. Mit spezieller Lichttechnik und gewählter Unschärfe entstanden dabei lebensgroße Fotografien, die in der Anwesenheit der Menschen bereits ihre Abwesenheit erahnen lassen. Die alltägliche und nicht auf erotische Verführung ausgerichtete Unterwäsche der TrägerInnen funktioniert dabei als Indiz für die persönliche Beziehung.

(textliche Betreuung: Sabine Schaschl)