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Ausstellungen

KÖRPER I

ROSA BRUECKL / PER HÜTTNER / MICHAELA MOSCOUW / GREGOR SCHMOLL / JOSEF WAIS

2. März 2000 – 1. April 2000

Rosa Brueckl (AT), Maria Haas (AT), Per Hüttner (SE), Michaela Moscouw (AT), Gregor Schmoll (AT), Josef Wais (AT)

Kataloge | Schwerpunkt: KÖRPER 2000

Die Schwelle zum neuen Jahrtausend ist von Konzeptionen des verschwindenden Körpers durchzogen, welche sich in den 1980er- und 1990er-Jahren und im Zusammenhang mit der Selbstdemontage des Menschen angesichts der technologischen Weiterentwicklungen zu manifestieren begannen. 1982 philosophierten Dietmar Kamper und Christoph Wulff über „Die Wiederkehr des Körpers”, dessen Verschwinden darin implizit als vorausgesetzt gilt, der kanadische Filmregisseur David Cronenberg hebt in seinen Film „Crash” den fragmentierten Körper hervor, dessen Kopulationsvermögen nur noch angesichts von Autounfällen möglich ist, und Paul Virilio vermutet die „Eroberung des Körpers” durch Informationsmedien und bioindustrielle Eingriffe. Die Konzentration der Gegenwartskunst auf eines der kontinuierlich wiederkehrenden Themen der Kunstgeschichte muß wohl auch vor dem Hintergrund der drohenden Entmachtung des Körpers gesehen werden.

Die erste Ausstellung zum Themenkomplex Körper fokussiert auf das Ich, dem eigentlichen Gegenüber des Körpers. Das Verhältnis zwischen dem Körper und dem Selbst stellt sich seit der Neuzeit als Verhältnis zwischen dem nicht zur Persönlichkeit gehörenden Objekt zum Subjekt – zum leiblosen Selbst – dar. Das Selbstbewußtsein kann demnach über den Körper herrschen und dieser selbst dem Vergessen preisgegeben werden, wäre da nicht noch das Individuum, welches sich aus der seelisch-geistigen Ganzheit nährt.

Rosa Brueckl und Gregor Schmoll rekurrieren in ihren fotografischen Installationen auf historisch bestimmte und gesellschaftlich verankerte Posen und Gesten und führen eine visuelle Katalogisierung ihrer zeitgenössischen Ausformungen vor. Das biblische Thema von Adam und Eva, welche ihre Nacktheit erkennen und sich schämen, führen Brückl und Schmoll über die Tradition von Künstlerselbstporträts und Hockney’scher Elemente in eine zeitgemäße Entsprechung. Der Körper und das Ich bleiben dabei auf einer außenstehenden, untersuchenden Ebene und spüren den eingenommenen Stellungen und ihren Konnotationen nach.

Die Suche nach der Selbstortung steht wiederum in der fotografischen Zusammenstellung von Maria Haas im Vordergrund. Die Bildauswahl umschreibt die Faszination des eigenen Körpers und der psychologischen Vorgänge im Annehmen von verschiedenen Rollen. Farb- und kompositorische Elemente einzelner Bildausschnitte erinnern an historische „Madonna mit Kind”-Vorlagen, während die zentrale Fotografie mit offenem Mund an pornographische Ersatzkörper denken läßt. Die Bandbreite der konstruierten, oftmals in mehreren Sequenzen geschichteten Posen spielt mit dem betrachtenden Voyeur und der selbstbezogenen Wahrnehmung, wobei sich das Ich hinter dem schönen Schein nicht zu erkennen gibt.

Per Hüttner unternimmt in seinem Video eine ironische Stellungnahme zum herkömmlichen Pornografiegebrauch und führt seine persönlichen Untersuchungen von neuen Wegen der Pornografiebenutzung vor. Die einzelnen Seiten von Pornomagazinen bleiben im Körpergewühl an seinem klebrigen, nackten Körper hängen und addieren sich zu einem Gewand zusammen. Dabei liegt zwischen der Nacktheit und der Bedecktheit Pornographie.

Michaela Moscouw weiß um die Sehnsucht nach jener Entität, denn für sie ist die Suche nach der Verortung des Körpers und jener des Ichs eine existentielle. Wo beginnt das Ich und wo der Körper, wann stimmen sie überein und wann verlieren sie sich wieder? Jene Auslotungsversuche manifestieren sich als „Körperspuren” in den nahezu „leibgroßen” Fotogrammen. Die Durchführung der Arbeitsprozesse an jenem kleinen, reduzierten und bekannten Ort der eigenen Wohnung unterstreicht den Rückzug in die gewählte „Ich-Enge”, die das Große und Weite in sich selbst findet. Lichtempfindliches Papier und Körper umhüllen sich gegenseitig, um im nächsten Augenblick wieder auf Distanz zu gehen. Die zurückgelassene Spur der Existenz schreitet dem Ich entgegen.

Wie Carl Aigner hervorhob, lassen sich konstante Momente im Schaffen von Josef Wais im Autobiographischen, im Urbanen und in Verbindung damit in der politischen Ebene einer eigenen Identität herausfiltern. In der Fotoserie Tango Schlaf konzentriert sich die autobiographische Betrachtung auf die Auseinandersetzung mit sexuellen Verortungen, die meist gesellschaftlichen Tabus zum Opfer fallen. Formale Momente und ästhetische Überlegungen bestimmen die einzelnen Selbstporträts, welche von geheimnisvollen Farbarrangements im ahnungsvollen Ambiente, über vereinzelte Hinweise bis hin zur detaillierten Narration reichen. Unscharfe Konturen und bewegte Posen provozieren die Imagination. Das Selbst dominiert den Körper und zeigt dem Voyeur die kalte Schulter.

(textliche Betreuung: Sabine Schaschl)