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Ausstellungen

ARCHITEKTUR III

JOCHEN BRAUNER, WERNER SEDIVY, THIERRY URBAIN

3. September 1997 – 27. September 1997

Jochen Brauner (AT), Werner Sedivy (AT), Thierry Urbain (FR)

Kataloge | Schwerpunkt: ARCHITEKTUR 1997

Das Verhältnis von Architektur und Fotografie ist so alt wie die Geschichte des Lichtbildes selbst. Einerseits kann man das urbane Feld als Entwicklungsraum für die Verbreitung wie die Auseinandersetzung mit diesem Medium ansehen, andererseits widmete sich die Fotografie von ihrem Beginn an räumlichen Themen. Die Fotografie wurde unter anderem als Instrument zur Versprechung von Stadt und als Orientierungshilfe in ihr verwendet (…). Das Thema „Stadt“ wie auch „Welt“ wurde in verschiedene Zeiten und unter unterschiedlichen Gesichtspunkten vermessen und/oder katalogisiert. Die Fotografie diente dazu, ganz im Sinne ihres „konservativen“ Wesens, die stetig versinkenden Erscheinungen aufzuzeichnen und sie vor dem Vergessen zu retten. Damit setzte eine Dynamik des Blicks ein, die alles zu sehen versuchte und das Kameraauge auch nicht vor sogenannten häßlichen Dingen verschließen ließ. Die Fotografie entdeckte immer wieder neue Sujets und ästhetisierte damit die unterschiedlichsten Erscheinungen von Welt. In letzter Konsequenz wurde alles gleichwertig, weil im eigentlichen Sinne fotografierwürdig. Das Sehen wurde mit Hilfe der Fotografie zu einer Sammeltätigkeit und die Realität zu einer Ansammlung von Fundstücken.

Die Werkgruppen der Künstler der dritten Ausstellung Architektur verbindet die Auseinandersetzung mit Modellräumen, mit inszenierten räumlichen Dispositionen und damit mit den je eigenen individuellen architektonischen Mythologien.

Träume von Räumen: Mit Städten ist es wie mit Träumen: Alles Vorstellbare kann geträumt werden, doch ist auch der unerwartete Traum ein Bilderrätsel, das einen Wunsch oder dessen Kehrseite, eine Angst, birgt. Städte wie Träume sind aus Wünschen und Ängsten gebaut, auch wenn der Faden ihrer Rede geheim ist, ihre Regeln absurd, ihre Perspektiven trügerisch sind und ein jedes Ding ein anderes verbirgt. (Italo Calvino)

Die Fotografie bildet nicht nur ab, sondern sie macht auch sichtbar. Vergleichbar der Kunst schafft sie Bilderwelten abseits der realen Verhältnisse und funktioniert darin als Transportmittel für Reisen ins innere Ausland. Obwohl jedes dokumentierende Foto die Manifestation einer subjektiven Weltsicht und darin die Veräußerung einer persönlichen Geographie darstellt, bietet sich die Fotografie auch als Instrument zur Erforschung der eigenen Traumwelten an. Im Gegensatz zu den computergenerierten Bildern, kreiert die „klassische“ Form der Fotografie keine virtuellen Realitäten, son-dern fixiert arrangierte oder gebaute Modelle von „realen“ Situationen. Voraussetzung dabei ist aber der dreidimensionale Raum, der mittels fotografischer Verfahren zwar verändert werden kann, jedoch letztlich immer abgebildet wird. So gesehen hat jedes derartig produzierte Bild ein reales Vorbild, ein in welcher Dimension auch immer gefertigtes räumliches Pendant. Zwar imaginieren diese fotografischen Arrangements zumeist real mögliche Verhältnisse, doch sagen sie letztlich mehr über die Persönlichkeitsstruktur des Autors bzw. seine Traumwelten aus, als über den Istzustand der sichtbaren Welt.
Ohne auf Reisen entstanden zu sein, vermitteln die Fotos von Thierry Urbain und der Gruppe Gegenlicht (Jochen Brauner + Werner Sedivy) den Eindruck, in fremden Ländern bzw. auf unbekannten Kontinenten gemacht worden zu sein. Orientieren sich die Aufnahmen von Urbain an räumlichen Typologien, die aus dem Nahen Osten bzw. aus Nordafrika bekannt erscheinen, greift die Gruppe Gegenlicht architektonische Momente auf, die aus dem Reich der Fantasy-world entlehnt sind bzw. der Formenvielfalt des anonymen Bauens nahestehen. Was beide Werkgruppen verbindet, ist die Auseinandersetzung mit Modellräumen, mit inszenierten räumlichen Dispositionen und damit mit den je eigenen individuellen architektonischen Mythologien. Während Thierry Urbain auf rationale, technisch präzise Art und Weise strenge fotografische Kompositionen herstellt, dient Jochen Brauner und Werner Sedivy die Kamera als Instrument zur Fixierung ihrer erträumten und teilweise verspielten Raumvorstellungen. Wird bei Urbain der Bau der Modelle nach genauen Vorgaben berechnet und der Einsatz von Licht und Schatten genau kalkuliert, entstehen die Miniaturarchitekturen von Gegenlicht spontan und ohne genauen Plan. In ihnen stülpt sich das Innere der Autoren heraus, die Modelle entgleiten einem der zwei Händepaare und werden mit „primitiven“ Mitteln in Szene gesetzt. Die räumlichen Erzählungen von Gegenlicht enden jedoch nicht bei einer Fotografie des entstandenen Gebäudes, sondern finden ihre Fortsetzung in den unsichtbaren Geschichten, die sie zu den Strukturen erfinden. Denn jedes Haus bewohnt für sie ein spezifischer Charakter, ein fiktiver Mensch, der für die äußere Form verantwortlich zeichnet. Ihre Bauten bewohnen Märchenwesen, Fantasiefiguren mit menschlichen Zügen, die zufällig zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade nicht anwesend waren. Gegenlicht schaffen Räume für ihre Träume, erzählen mit ihren zwei Werkgruppen Geschichten von möglichen Welten und überschreiten damit die Enge der realen Verhältnisse. Ohne Hang zur technischen Perfektion vermitteln sie mit Hilfe der Fotografie ihre individuellen Mythologien, die auf ihren gemeinsamen Reisen ins je eigene innere Ausland entstanden sind.
Demgegenüber erzählt Thierry Urbain Geschichten von verlassenen Städten. Seine Bilder fixieren menschenleere Idealzustände, die nicht nach Leben schreien, sondern sich nach der reinen Geometrie richten. In ihrer Schärfe und Härte vermitteln sie den Eindruck, wonach kein Individuum diesen Raum betreten hat bzw. benutzen darf. Eine beängstigende Ruhe geht von den Atmosphären der Fotografien aus. Die Abwesenheit des Humanen definiert die Präsenz der räumlichen Erscheinungen, obwohl das Wissen um die Entstehungsbedingungen derselben an Hände gebunden ist. Vergleichbar den metaphysisch angehauchten Gemälden von de Chirico, präsentieren sie eine Perfektion von räumlichen Verhältnissen, die ohne sichtbare menschliche Spuren auskommen. Seine abgelichteten Räume leben aus sich heraus, benötigen nur die Augen der Betrachter und keine Bewohner. Sie erzählen keine Alltagsgeschichten, sondern Mythen und lassen damit Raum für abstraktes Denken.

(textliche Betreuung: Arno Ritter)