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Ausstellungen

ZUKUNFTSMUSIK

31. August 2021 – 2. Oktober 2021

Patrick  Baumüller (CH), Karø Goldt (DE), Kaja Clara  Joo (AT), Johann Lurf (AT), Walter Mirtl (AT), Laura Wagner (DE/AT)

BILDER | Cinemathek |

Der Begriff „Zukunftsmusik“ wird im übertragenen Sinn für Vorhaben verwendet, deren Realisierung in der Zukunft liegt. Für diese Ausstellung wurden Werke ausgewählt, die sich auf der Basis unterschiedlicher Inhaltlichkeit im visionären Bereich bewegen sowie Bild und Ton in ein audiovisuelles Zusammen- bzw. Wechselspiel bringen. Die musikalischen Kompositionen und die Geräusche bzw. der Sound – etwa auch Geräusche von Naturphänomenen oder Tieren – treten in den künstlerischen Werken als gleichberechtigte Partner der Bilder auf. Sie stimulieren, ergänzen, (über-)steigern oder kontrastieren die Bilder oder bedingen sie. Auch die fotografischen Arbeiten sind entweder mit Sound kombiniert oder sie können assoziativ Töne im Kopf erwecken.

Das Hören von Klängen führt zu einer veränderten Rezeption von Bildern, ebenso wie das Sehen von Bildern die Wahrnehmung des Tons beeinflusst. Die Arbeiten sind konzeptuell entwickelt; die Auseinandersetzung mit Zeit und Raum sowie Struktur, Ordnung, Rhythmus und Verlauf nimmt eine tragende Rolle ein, wobei Bild und Ton jeweils ihren eigenen Bereich in Bezug auf Räumlichkeit bzw. Zeitlichkeit befragen, reflektieren und überschreiten. Durch ihre ästhetische, atmosphärische Erscheinung und ihren immersiven Charakter wecken die Bild-/Tonmontagen einerseits Gefühle der Harmonie. Diese Stimmung kann aber jederzeit durch dystopische, bedrohliche, surreale, auch skurrile Situationen und Klänge gebrochen werden. Oder es kommt, wie in einem schallschluckenden Objekt-Bild, zum Entzug des Tons und wir erreichen den Zustand der Stille …
(Petra Noll-Hammerstiel)

Zahlreiche Arbeiten von Patrick Baumüller bewegen sich im Bereich der Klangkunst. Obwohl realer Sound nicht hervordringt, manifestiert sich in seinem Objekt Pause in unmittelbarer Weise die Vorstellung von Klang bzw. Schallwellen. Das Objekt mit dem visuell eingearbeiteten Pause-Zeichen – das den temporären Stopp von Aufnahme- oder Wiedergabeapparaten symbolisiert –, besteht aus einer Agglomeration von Schaumstoffpyramiden, die rein visuell an jene Dämmwände erinnern, die in Tonstudios als Breitbandabsorber eingesetzt werden. Die Umkehr, im Sinne des Abbremsens oder überhaupt des Verschwindens von Sound also. Im Wechsel der Medien – wie hier vom Klang zum Objekt – stellt Baumüller symbolisch aufgeladene Konzentrate her (Roland Schöny).

In dem experimentellen Fotofilm hortus von Karø Goldt geht es um unseren Umgang mit Natur und Landwirtschaft und den Folgen daraus. Goldt fotografierte über ein Jahr Beete und Pflanzen ihres Gartens und beobachtete die farblichen Veränderungen. Danach reduzierte sie die Fotos auf ihre Farben und animierte diese Streifenfotos zu kleinen Videoclips, die sich in Spektrometer-Analyseraster eingepasst bewegen. Der zweite Teil des Films zeigt, wie es aussehen könnte, wenn nach der Zerstörung der Umwelt die letzten Zeugnisse eines Gartens wissenschaftlich untersucht würden. Die Musik von Timothy Shearer verstärkt Ästhetik und Stimmung des Films ins Düstere, Dystopische. Die Arbeiten der Fotoserie unimagined possibilities changieren zwischen Utopie und Dystopie und lassen in ihrer teils sphärischen Atmosphäre eine klangliche Ebene spüren.

Die Installation Schwarmorchester von Kaja Clara Joo entstand nach dem Bild eines sich blind windenden Grillenschwarms. Auf einer an einem Aluminiumgestell hängenden Baumwolldecke befinden sich mehrere Emulsionsarbeiten: Anstelle eines Negativs wurde eine Petrischale in den Fotoprojektor der Dunkelkammer gespannt, in welcher sich ein lebender Grillenschwarm befand. Die Bewegungen der Tiere konnten durch Temperatur, Vibration und Licht beeinflusst und gesteuert werden. Ihre Verhaltensmuster belichtete einzelne, zuvor lichtempfindlich gemachte Baumwollstücke. Durch den Einsatz von Motoren wird der gesamte Korpus in Bewegung gebracht und komplettiert sich erst durch diese: Wie das leise Zirpen eines Schwarms vibriert und ertönt die Skulptur in ihrem Gestell vor sich hin.

Der Film von Johann Lurf zeigt die Sternenhimmel der Filmgeschichte, chronologisch geordnet vom Anfang des Kinos bis in die Gegenwart, begleitet vom Originalton der einzelnen Szenen. Die akustische Ebene trägt eine Vielzahl an Informationen – von der Veränderung der Sprache, über Musik und Tongestaltung bis hin zu den Tonsystemen der letzten 120 Jahre. Durch den Fokus auf klare Sternenhimmel bei der Auswahl der Szenen wird der Film durch Schnitte fragmentiert und rhythmisiert. Die vielen Sprachen aus dem Off erzählen, philosophieren und träumen mit dem Blick in den Weltraum, der sich ja nach Dekade und Trends auch visuell verändert. Gezeigt wird die aktuelle Version von 2021.

Walter Mirtl zeigt eine Auswahl aktueller Videos mit vorwiegend selbst komponiertem Sound. Kurze Videos, in denen visuelles und klangliches Material eine gleichwertige Synthese bilden, sind seit vielen Jahren sein bevorzugtes künstlerisches Medium. Die Bildinformationen sind extrem kurz und werden geloopt, während die Tonspur über das ganze Video läuft – nur selten ist dies umgekehrt. Meist werden zwei Bilder aus verschiedenen Kontexten miteinander kombiniert, die jeweils durch abrupte Schnitte oder Überblendungen rasch abgelöst werden. Mirtl schildert Zustände und Ereignisse, mit denen er Sinneseindrücke stimulieren möchte. Zusammen mit dem häufig bedrohlichen, repetitiven Sound entstehen surreal-rätselhafte Situationen. Wie bei einer Partitur verwendet er eine vertikale Gliederung aus Bild- und Tonebene.

In Laura Wagners Leverkühn spielen 600 Schnecken ein Konzert an einem ausrangierten Klavierflügel. Während die Tiere über Tasten, rostige Saiten und den brüchigen Holzrahmen kriechen, deutet der Flügel aus den Sofiensälen performativ auf seine eigene Zeitlichkeit hin. Er verweist auf die Geschichte jener Räume, in welchen, wie in einem lautstarken Schweigen, Operetten und Bälle stattfanden – nur kurz nach ihrer Verwendung als Sammelort für verhaftete Juden vor der Deportation. In der performativen Installation wird dieser erneut bespielt. Diesmal jedoch von einem Kollektiv aus Schnecken, die zur lebendigen biomorphen Masse werden und sich in einem fast schon metabolischen Prozess den mnemonischen Flügel zu eigen machen (Magdalena Stöger).

Kuratiert von Petra Noll-Hammerstiel und Michael Michlmayr