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Ausstellungen On Tour

STICHWORT: STADT / LANDSCHAFTEN / EINGRIFFE

10. Mai 2005 – 8. Juni 2005

Barbara Bosworth (US), Veronika Hofinger (AT), Lukas Schaller (AT), Eva Würdinger (AT), Carola Vogt (DE), Peter Boerboom (DE), Laura Samaraweerov (CZ)

BILDER |

STICHWORT: STADT / LANDSCHAFTEN / EINGRIFFE

Eva Würdinger Die Fotografien von Eva Würdinger
zeigen Orte, die in der Schwebe stehen, offen, ausgegrenzt und übersehen
sind. Stillgelegte, anonyme oft verlassene Zwischenräume, die zwar benutzt,
aber wegen ihrer Alltäglichkeit nicht wahrgenommen werden. Durch das Aufzeichnen
einer bestimmten Atmosphäre des Ortes, erscheint das Alltägliche durch
dessen Transformation in eine Fotografie irritierend. Das scheinbar selbstverständliche
urbane Umfeld wird zu einem Ort der Ambivalenz. Das fotografische Bild entzieht
sich seiner Festlegung, lässt etwas Uncodierbares offen.
Das Dokumentarische und Archivarische stehen nicht im Vordergrund, vielmehr
konstruieren die Fotografien den Blick des Betrachters und verführen diesen
die Orte neu zu durchqueren. Die formale Reduziertheit und die Leere im Bild
evozieren ein Zusammenspiel von Wahrnehmung und Vorstellung. Auch die Aufnahmen
einer stillgelegten Jetskibahn der Serie Speedworld geben dem Betrachter Raum
für Assoziationen, Erinnerungen und Projektionen.
Die Arbeiten thematisieren Künstlichkeit und Fiktion und somit die Frage
nach dem Wirklichkeitsgehalt der Fotografie. Sie behandeln das Wechselspiel
von Natürlichem und Künstlichem, zeigen Spuren zivilisatorischer Eingriffe,
Schnittstellen und Grenzbereiche von Natur und Kultur. Die Fotografien deuten
an, wie urbane Landschaftsräume entstehen, sich verflüchtigen, materialisieren
oder verändern und somit Gesellschaft strukturieren.

 

Carola Vogt und Peter Boerboom Landschaften repräsentieren
das ›Natürliche‹ – oder die Konvention des ›als
natürlich Erscheinenden‹. Sie sind Projektionsfläche für
alles Natürliche und gleichzeitig Umgebung für Gemachtes.
Uns interessieren die Landschaften an der Nahtstelle zur Zivilisation. Vorwiegend
hier finden sich Orte und Situationen, an denen die ›schöne Landschaft‹
bzw. die sie konstituierenden Idealvorstellungen mit den Ausläufern der
städtischen Bebauung konfrontiert werden. Vor einem landschaftlichen Hintergrund
befinden sich anonyme, oft unerklärliche architektonische Versatzstücke,
die in die Vegetation eingebettet und mit ihr verwoben sind.
Diese isolierten Bauten, die nicht in einem gewohnten städtischen oder
architektonischen Zusammenhang stehen, zeugen vom erstaunlichen Gestaltungswillen
des Menschen und den Gestaltungskonventionen einer Gesellschaft.
Mit unserer fotografischen Arbeit wollen wir nicht dokumentieren, sondern zeichenhafte
Bilder erzeugen. Die beiden Komponenten, Landschaft und Zivilisation, lösen
sich auf in einem Schwarzweiß-Gebilde aus Linien und Flächen. Und
dabei geben sie zu erkennen, was Landschaft immer auch gewesen ist: eine Konstruktion
und eine Erfindung in der Kunst.

aus: Carola Vogt | Peter Boerboom, „Landschaften, Fotografische Arbeiten
1997–2005“ Verlag für moderne Kunst Nürnberg, März
2005

Venice Pavillons von Lukas Schaller

Die Bilder der verlassenen, kunstfreien Länderpavillons der Biennale in Venedig stellen eine ästhetische Ungewissheit her, indem sie die Spuren der Vernachlässigung oder des Vandalismus ins Bild setzen und sie als Bestandteil einer künstlerischen Intervention zeigen. Hier geht es nicht um ein Täuschungsmanöver, nicht um eine bildliche Inszenierung von wertlosen Gegenständen im Kontext von Kunst, sondern um die grundsätzliche Unmöglich-keit eines Ausstellungsraums, nichts zu bedeuten, nichts zu sagen und auf nichts zu verweisen. Kunsträume stellen immer etwas zur Schau, selbst wenn sie – wie die Länderpavillons “after show” – nicht bespielt werden bzw. bis zum nächsten Kunstereignis von der Außenwelt abgeschieden sind.

Der weiße Kubus mit seiner ausstellungstechnischen Infrastruktur gibt dem Blick eine Richtung vor, sodass die zerstreut am Boden liegenden Gegenstände in ihrer ganzen Banalität als reizvolle Formation im Raum erscheinen, die etwas zu sagen hat, und sei es auch nur: ich bin, was vom Ereignis übrig blieb, Verpackungsmaterial, Zettelwerk – gehäufte Hinterlassenschaft künstlerischer Aktion, Schnee von gestern.

Die Zufälligkeit der herumliegenden Dinge, die nicht mehr gebraucht und im allgemeinen selten beachtet werden, kollidiert mit den Bedeutungszwängen des Kunstbetriebs und der Geometrie von Räumen, deren Konzeption darauf beruht, die darin gezeigten Gegenstände eben nicht dem Zufall von Wahrnehmung oder Nichtbeachtung auszusetzen, sondern sie aus dem Umfeld herauszuheben, sie gewissermaßen zu schärfen. Der Blick eines Betrachters (eines Fotografen) genügt, um das scheinbar Wert- und Bedeutungslose in jenen Rahmen zurückzuführen, in den es der Kunstraum selbst im Zustand gröbster Vernachlässigung unweigerlich rückt: in die Zeichenhaftigkeit ästhetischer Produktion. So gewinnt auch das Nebeneinander von stehender und flachgedrückter Transportkiste im Pavillon der nordischen Länder erst in diesem “reinen” wie ruinösen räumlichen Umfeld an Format, erzeugt jene Unsicherheit, die stets Voraussetzung dafür ist, genauer hinzusehen und die Muster eigener Wahrnehmung zu hinterfragen.

Gabriele Kaiser

Laura Samaraweerová
Wieder gefunden

Zu den ausgestellten Arbeiten von Laura Samaraweerová
Bei diesen Arbeiten handelt es sich durchwegs um Naturinszenierungen, Inszenierungen
in der Natur. Es scheint, als ob jede dieser Arbeiten einen verloren geglaubten
Moment, ein solches Gefühl oder einen ebensolchen Raumteil wieder finden
und authentisch erleben lassen will. Das Vorgehensprinzip scheint sich dabei
zu wiederholen: Das ins Auge gefasste Geschehen – Geschehen, denn die
Zeitkomponente (Wie kam es dazu? Was ist das? Was folgt?) lässt sich nicht
ausblenden – wird abstrahiert, in die natürliche bzw. eigentümliche
Umgebung hinausgetragen und dadurch erst „richtig“ in die Szene
gesetzt. Die Ergebnisse erreichen den Kopf und das Herz. Der/die BetrachterIn,
aufgrund des Denkanstoßes oder der Verwirrung, wird dazu bewegt, mit eigenen
Erfahrungen und bekannten Alltagsgegenständen zu kombinieren, zu jonglieren
oder gar diese neu zu kategorisieren. Dieses sinnliche Spiel erwirkt Laura Samaraweerová
einerseits eben durch die Inszenierung, verstärkt es aber andererseits
durch die zum Teil sehr auffällige, nachträgliche Handkoloration.
Die Arbeiten scheinen hierdurch eine inhaltlich-visuelle Vollständigkeit
vermitteln zu wollen, bleiben aber im Gesamten vor allem als Sequenzen und Querschnitte
eines sich verfestigten menschlichen, gesellschaftlichen Zustandes in Erinnerung.

bruno batinic

Veronika Hofinger „Art is by nature self-explanatory. We call
it art precisely because of its sufficiency. (…) If the audience lives in
the same time and culture as does the artist, and if the audience is familiar
with the history of the medium, there is no need to append to art a preface
or other secondary apparatus.“
aus: Robert Adams – „Why People Photograph“, © Aperture,
1994

Through the Looking Glass
Karin Borghouts fotografiert Orte. Ihre Sujets findet sie auf
der Straße und an öffentlichen Plätzen, wie Tiergärten
oder auf Spielplätzen. Ihre Bilder zeigen Fragmente der Wirklichkeit, an
denen man normalerweise vorbeigeht ohne ihnen Beachtung zu schenken.
Obwohl sich Borghouts eines dokumentarischen Stils bedient, haben ihre Fotografien
eher einen traumhaften Charakter. Die Zweideutigkeit ihrer Bilder hängt
von der präzisen Wahl des Bildausschnitts ab, der wiederum Spannung zwischen
Wirklichkeit und Betrachter erzeugt. Die Bilder erwecken beim Betrachter Neugier,
indem sie ihm ein Rätsel aufgeben.
Borghouts Fotografien weisen Referenzen zur Malerei und Installationskunst auf.
Manche wirken wie theatralische Szenen, oder nehmen skulpturale Dimensionen
an. Der Natur wird eine spezielle Rolle in den Aufnahmen zugewiesen. Natur,
die dem Menschen ausgeliefert und wie auf einer Bühne konstruiert ist.
Es scheint, als ob alles zu einer künstlichen und konstruierten Welt gehören
würde.
Borghouts Fotografien sind ein Balanceakt zwischen Imagination und Wirklichkeit.