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Ausstellungen

SALVATORE PUGLIA / DMITRY VILENSKY

8. April 1999 – 30. April 1999

Salvatore Puglia (IT), Dmitry Vilensky (RU)

Der zeitliche Kontext der Bilder und die Re-Präsentation des historischen Erbes sind das Arbeitsfeld des italienischen Künstlers Salvatore Puglias. In der Ausstellung fügt er den gefundenen Bildern einen Schatten hinzu, der die Abbildung oft besser erkennbar macht als die Vorlagen selbst, die verschmutzt und getrübt sind, ähnlich den Erinnerungen an längst Vergangenes. Aber mehr als eine Kunst des Erinnerns muß man seine Arbeiten als Fotografie von Geschichte verstehen. Wie unsere Historie liegen sie zwischen dem, was verloren und noch vohanden ist, zwischen Beweisstücken und vereinzelten Fragmenten, zwischen dem, was gezeigt wird und dem was verborgen bleibt bzw. verheimlicht wird. Am Grenzpfahl hängt das Bewußtsein, daß beide – Abbild und geschichtliche Vergangenheit – niemals alleine für sich betrachtet werden dürfen und stattdessen einem ästhetischen Prozeß unterzogen werden sollten.

Puglias kreative Annäherung besteht in der Verbindung eines bestimmten Themas mit einer bestimmten Materialität. Dabei lässt er jedem für sich freien Lauf, wenn auch innerhalb eines einengenden, formalen Rahmens, einer gewissen Zufälligkeit in der Kombination. Bei seiner letzten Arbeit verschwinden sogar die Rahmen und die eigentlichen Objekte zerteilen sich. Die Überbleibsel einer unterbrochenen und inkohärenten Vergangenheit werden auf Stücken von natürlichem Latex reproduziert und so zu elastischen Leichentüchern eines Zeugnisses ohne Erbe. (Salvatore Puglia, 1999)

 

Dmitry Vilensky. Die Kunst zu vergessen.
Starker Frost offenbart dem Körper seine künftige Temperatur.
J. Brodski, 4. Ekloge (Winterekloge)

Die russische Kultur zeichnet sich durch eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber dem Tod aus. Angesichts der völligen Absurdität des hiesigen Lebens wird der Tod – als geheimnisvolle, aufregende Reise, die zu einer anderen, höheren Realität führt – zu etwas äußerst Wichtigem und Positivem, zu einem Vorgeschmack der Ekstase. Die wichtigste der Künste ist die Kunst des Sterbens. Sie ist keineswegs das Ritual theatralisch aus diesem Leben zu scheiden. Vielmehr geht es darum zu lernen, den Tod ins Leben zu integrieren, im Alltäglichen die Zeichen der Sterblichkeit – besonders die der eigenen – aufzuspüren und festzuhalten – auch dort, wo man solche Zeichen kaum vermutet. Das ist auch das eigentliche Thema, welches in dieser Arbeit behandelt wird und damit sichtbar in einem Kommunikationsraum verbleibt, der von der russischen Kunst ausgearbeitet und anerkannt wurde (von Malewitsch bis Brodski, Tarkowski und Kabakow).

Da Fotografie in der Lage ist, die Grenze zwischen Leben und Tod zu überschreiten, ist sie ein vollkommen einzigartiges Medium. Durch das Bekräftigen der Existenz von Vergangenem   spricht sie immer vom Vergessen und erinnert uns stets an unsere Vergänglichkeit. Sie ermöglicht uns, gleich einer „Innensicht“, den besonderen Zustand der Körperlosigkeit zu fühlen und  hierin liegt die wirkliche Ekstase, die sich durch die Kontemplation in die Fotografie ergibt.

Als Grundlage für mein Projekt dienten Fotos, die das alltägliche Straßenleben in Sankt Petersburg dokumentieren. Die Wahl war nicht von ungefähr auf diese Stadt gefallen, denn Petersburg ist die lebloseste Stadt in Rußland. Ihre ungewöhnliche Schönheit wurde stets – und das zu Recht – mit Verwelken, Verglühen, Vergessen, Leere und mit Katastrophe in Verbindung gebracht. Mich beschäftigte eigentlich nicht das abstrakte Bild der Stadt und ihr historisches Schicksal, das in der Kunst ohnehin schon ausreichend reflektiert worden ist, sondern das Leben der Menschen in ihr, das sich vor dem Hintergrund einer ziemlich verrotteten Kulisse abspielt. In Petersburg war es weitaus einfacher als sonstwo zu verstehen, wie die unabweisbare Gegenwart des Todes in der Lage ist, die Wahrnehmung des Alltags radikal zu verändern. Jede noch so banale Szene wird durch das bedrückende Gefühl, daß die zerbrechliche Wärme des Daseins dem Untergang geweiht ist, ungeheuer wertvoll. Um dieses Gefühl wiederzugeben, war die Übertragung der Fotoabzüge auf ovale Emails – ein traditionelles Element der Grabsteinkultur in Rußland, um das Trauern an den Totengedenktagen zu erleichtern – notwendig. Dies schien mir das ehrlichste Verfahren eine „endgültig dem Leben entwichene“ Wirklichkeit zu zeigen.

Bei der Realisierung des Projekts spielt die Anordnung der Arbeiten im Galerieraum eine besondere Rolle. Äußerst wichtig ist, daß der erste Eindruck dem Betrachter einen leeren Raum vermittelt. – Erst nach dem Eintreten entdecken BesucherInnen die zahlreichen kleinen Objekte auf Fotoemail und, hoch unter der Decke, die großformatigen halbdurchsichtigen Fotografien. Das Gefühl von gleichzeitiger Überfüllung und Leere muß zur wichtigsten Botschaft des Projekts werden. (Dmitry Vilensky, 1999, Übersetzung aus dem Russischen: Dr. Matthias Vetter)