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Ausstellungen

RITUALE I

KORRELATIONEN

3. September 2019 – 5. Oktober 2019

Adidal Abou-Chamat (SY), Iris Andraschek (AT), Vesna Bukovec (SI), Denis Butorac (SI), Andrés Duque (VE), Brigitte Konyen (AT), Simon Lehner (AT), Erik Levine (US), Marta Zgierska (PL)

BILDER | Kataloge | Schwerpunkt: RITUALE 2019 / 2020

Eröffnung: Montag, 2. September um 19.00 Uhr
Einführende Worte: Petra Noll-Hammerstiel

sponsored by: BKA Österreich; MA7-Kultur; Cyberlab
Dank an: Dejan Sluga, Miha Colnar, Lisl Ponger und das
Slowenische Kulturinformationszentrum SKICA

Rituale sind ein wichtiger Bestandteil des Ausdrucks- und Kommunikationsverhaltens des Menschen und sagen viel aus über Werte, Rollenverständnis und das soziale Miteinander, in dem sie häufig eine regulierende, unterstützende Funktion einnehmen. Die komplexe Inhaltlichkeit und große Bedeutung des Rituals für den Menschen hat das kuratorische Team der FOTOGALERIE WIEN dazu inspiriert, einen Schwerpunkt mit vier Ausstellungen mit internationalen Künstler:innen in den Jahren 2019/2020 zu konzipieren. Der Begriff „Ritual“, ursprünglich nur im liturgisch-zeremoniellen Kontext üblich, wird heute für alle gesellschaftlichen Bereiche verwendet. Das Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln und meist in festgelegter Reihenfolge durchgeführte Handlung mit primär identitäts- und sinnstiftendem Ziel, d.h. mit dem Wunsch nach Orientierung, Erkenntnis und gemeinschaftlichem Handeln. Es setzt sich ab von alltäglichen Gewohnheiten bzw. instrumentellen, regelmäßigen und vor allem zweckorientierten Tätigkeiten, denen aber ein „ritueller Charakter“ zugeschrieben werden kann. Das Ritual besetzt somit vor allem den geistigen und emotionalen Raum. Charakteristisch für das Ritual sind zudem Inszenierung, Prozessualität und meist hohe Symbolhaftigkeit. Die vier Ausstellungen beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Ritualen und den damit einhergehenden Beziehungsgeflechten; mit Ritualen, in denen sich Machtdemonstration, Unterdrückung und Ausgrenzung artikulieren, sowie mit religiösen und anderen zeremoniellen Ritualen. Im Zuge dessen werden die mit den verschiedenen Ritualen verbundenen Codes, Haltungen und Kommunikationsformen untersucht.

Die erste Ausstellung mit dem Titel Korrelationen zeigt Arbeiten von Künstler:innen, die in ihrer Beschäftigung mit Identität, Rollenbildern und Strukturen von Gesellschaften und Kulturen verschiedener Länder rituelle Verhaltensweisen herausarbeiten. Dabei gehen sie einerseits vom eigenen Ich und seinen von Erziehung, Tradition, Religion und Konventionen geprägten, zum Teil genderspezifischen Erfahrungen aus, die von gesellschaftlicher Relevanz sein können. Andererseits untersuchen sie Verhaltensweisen, Strukturen und Normen von Gemeinschaften, denen in Ritualen Ausdruck verliehen wird. Es werden Beziehungsgefüge analysiert, die geprägt sind von jeweils verschiedenen rituellen Verhaltens- und Interaktionsformen. Diese Rituale verbinden einerseits die spezifischen Gruppen zu einer Gemeinschaft, die Halt und Sicherheit verheißt, andererseits können sie auch Zwänge, Einengung und andere grenzwertige Erfahrungen auslösen. Die hier ausgewählten Künstler:innen visualisieren das Phänomen „Ritual“ in erster Linie in Form von Metaphern, symbolischen Inszenierungen bzw. Weiterverarbeitung dokumentarischen Materials.

In dem Video Ver-Wicklung von Adidal Abou-Chamat bindet sich eine junge Frau zu arabisch-türkischer Popmusik in diversen, länderspezifischen Techniken ein Kopftuch um. Indem Abou-Chamat symbolhaft verschiedene Rituale des Kopftuchbindens und -tragens aus Religion und Alltag zitiert, dekonstruiert sie festgefahrene weibliche Rollenbilder. Höhepunkt ist dabei der Schluss; hier wird das zunächst von einem Niqab verschleierte Gesicht der Protagonistin durch einen Windzug freigelegt. Dadurch wird das islamische Verschleierungsgebot, das die deutsche Künstlerin mit syrischen Wurzeln anspricht – und damit alle „von oben“ verordneten Kleidervorschriften –, spielerisch entschärft.

In den eng zusammengehörenden Werkgruppen Where to Draw the Line sowie 30 Reasons a Girl Should Call It a Night / Passion of the Real von Iris Andraschek mit Fotografien bzw. Zeichnungen geht es um weibliche Jugendliche, die sich prekären und riskanten Körperritualen hingeben und Fotos davon in den Sozialen Medien posten. Andraschek hat zwei junge Frauen mit Texten auf dem nackten Körper, die negative Postings reflektieren, auf Fotografien von inszenierten Grenzübertritten platziert. Es wird die Frage gestellt, wer denn Grenzen zieht und wer neue (Beziehungs-)Rituale erfindet, die über Dabeisein oder Ausgrenzung entscheiden. In den Zeichnungen bezieht sich Andraschek auf Facebook-Fotos von exzessiv agierenden, betrunkenen Mädchen.

Vesna Bukovec zeigt White Performances / Positive Affirmations, vier Kurzvideos, in denen häusliche Arbeiten so performt werden, dass deren ritueller Charakter deutlich wird. Dazu sind optimistische, autosuggestive Aussagen, wie sie in der populären Selbsthilfekultur üblich sind, kombiniert. Die Videos verstehen sich als kritisch-ironische, feministisch konnotierte Hinterfragung der oft zwanghaften Suche des Individuums nach Image, Glück und Perfektion. Sie beziehen sich vor allem auf Frauen, denen man speziell diese „typisch weiblichen“ häuslichen Tätigkeiten zuschreibt, die ihnen angeblich Selbstverwirklichung bringen sollen.

Um Männlichkeits- und Familienrituale geht es in der Fotoserie Homesick von Denis Butorac. In seiner kroatischen Heimat wird die Teilnahme von Buben am traditionellen Schlachten von Tieren als Beweis von Männlichkeit verstanden. Es handelt sich um eine Art Initiationsritus, um in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Nach längerem Zögern überwand Butorac Angst, Ekel und Unverständnis und nahm als passiver Beobachter an diesem sozialen Ereignis teil. Durch die Inszenierung, in der er Teile der getöteten Tiere auf symbolhaft-religiöse Weise und ästhetisch außergewöhnlich angeordnet hat, hält er die Erinnerungen fest, um neue zu schaffen und damit seiner Familie und Heimat näherzukommen.

Der Filmemacher Andrés Duque, der sich häufig mit schamanischen Ritualen auseinandersetzt, zeigt in seinem Video Paralelo 10 das individuelle, täglich praktizierte Ritual der Philippinin Rosmarie an einer Ecke der Avenida del Paralelo in Barcelona. Es ist ein magisch-geometrisches Ritual, in dem sie eine Sonnenkartierung mit Zeichendreiecken durchführt und die Fahrbahn mit kryptischen Zeichen markiert. Sie scheint das Geheimnis der Welt zu kennen; die „Fakten“ dazu liefert der öffentliche Raum: Sie zählt Fenster, Stufen, entschlüsselt Zeichen auf Kanaldeckeln, stellt Messinstrumente für geomantische Zwecke her. Einfühlsam gibt Duque dieser fremdartigen Frau und ihrem rätselhaften Ritual Raum.

Brigitte Konyen beschäftigt sich in ihrer Fotocollage-Serie Snapshots mit religiös geprägten, konservativen Verhaltensformen und -zwängen früherer Generationen, von denen sich die nachfolgenden befreien. Ausgehend von ihren weiblichen Vorfahren, schließt sie auf allgemeine gesellschaftliche Traditionen, Konventionen und Verhaltensweisen. Basis sind Familienfotos, die sie fragmentiert. Aus den Körperteilen von Frauen unterschiedlicher Zeiten entstehen neue Bilder von surrealer Anmutung. Die rituellen Handlungen, die in den Inszenierungen, Gesten, Posen und dem jeweiligen modischen Erscheinungsbild sichtbar werden, sind solche, die die Zurichtung und Definition des weiblichen Körpers betreffen.

Simon Lehner zeigt die Zweikanal-3D-Videoanimation September. Die Videos beziehen sich auf ein durch frühkindliche familiäre Erfahrungen ausgelöstes Trauma eines Jungen, das er, nun erwachsen, noch immer als wiederkehrende Flashbacks erlebt. Diesen liegt ein zwanghaftes rituelles Muster zugrunde. Der 3D-animierte Junge verkörpert dieses Trauma, das den Kampf zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein immer wieder neu entfacht. Er spricht direkt mit den Betrachtenden wie eine Stimme in ihrem Kopf, spielt mit Kontrolle, Selbstzerstörung und der Sehnsucht nach einem Wiedererleben der Kindheit. Als Betrachter:in steht man inmitten der Projektion und wird selbst zur aktiven Ebene des Bewusstseins.

Erik Levine untersucht in dem Kurzvideo More Man männliche Übergangsriten beim American Football sowie die Beziehung zwischen Befehlsgebern und -empfängern. Es wird gezeigt, wie erwachsene Coaches die jungen Spieler massiv physisch herausfordern und psychisch formen, um aus ihnen „mehr Mann“ zu machen. Der Film ist geprägt von wüstem Gebrüll und Pfiffen der Trainer; man sieht die Demütigung, die Angst, die Müdigkeit der Spieler, aber auch Triumph und Teamgeist. Levine verwendet dokumentarisches Material, das er durch Nahaufnahmen, Zeitlupe, Unschärfe und Segmentierung der Bilder verfremdet, um damit die Manipulation stärker zu betonen. Und dennoch charakterisiert er auch die „Täter“ als Opfer ihrer Macho-Vorstellungen.

Marta Zgierska zeigt Fotoarbeiten aus der Serie Afterbeauty, eine Auseinandersetzung mit weiblichen Körperritualen. Dargestellt sind Überreste gebrauchter Gesichtsmasken; sie sehen aus wie abstrakte Skulpturen von bizarrer, sich auflösender und gleichzeitig ästhetischer Form. Das Auftragen der Gesichtsmaske ist ein beliebtes Beautyritual für junge Mädchen, die damit gerne Selfies in den Sozialen Medien posten. Zgierska setzt sich kritisch mit dem gegenwärtigen Schönheitsbegriff und dem damit verbundenen sozialen Druck auseinander. Sie unterzieht sich diesem rituellen Prozess des mühsamen Auftragens mehrerer Schichten und deren Abnahme ausschließlich deshalb, um Material für die Kunst zu bekommen.

(textliche Betreuung: Petra Noll-Hammerstiel)

FOTOGALERIE WIEN BEI DER „PARALLEL VIENNA“ 2019
Lasallestr. 5, 1020 Wien, www.parallelvienna.com

Eröffnung: Dienstag, 24. September., 17.00–22.00 Uhr
Messe-Öffnungszeiten: Mittwoch, 25.9.–Sonntag, 29.9.,12.00–19.00 Uhr

Wir freuen uns, folgende Künstler:innen aus unseren SOLO-Ausstellungen zu präsentieren:
Thomas Albdorf, Robert Bodnar, Katharina Cibulka, Markus Guschelbauer, Olena Newkryta, Corinne L. Rusch, Lea Titz und Christina Werner

Seit 2010 wird jährlich eine der in der FOTOGALERIE WIEN stattfindenden Ausstellungen einem/einer jungen aufstrebenden Künstler:in als Einzelausstellung gewidmet. Diese Ausstellungsreihe mit dem Titel SOLO fungiert als Plattform und Sprungbrett für Künstler:innen, die gerade am Beginn ihrer Karriere stehen, aber bereits über ein umfangreiches Werk verfügen, das wir einer breiten Öffentlichkeit präsentieren wollen. Ziel ist es, eine nachhaltige Bekanntheit für die/den ausgewählte/n Künstler:in zu schaffen; dies inkludiert auch die Vermittlung von Kooperationen und Wanderschaften.