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Ausstellungen

PUZZLE

7. November 1996 – 30. November 1996

Andreas Baumann (CH), Jerzy Olek (PL), Klaus Pamminger (AT)

PUZZLE – das vereinigende Moment der Arbeiten von Andreas Baumann, Jerzy Olek und Klaus Pamminger ist die Wahrnehmung der Welt durch das Mittel des fotografischen Ausschnitts und die anschließende subjektive Neukonstruktion, das „Zusammenpuzzeln“ der Teile zum neuen Ganzen.

ANDREAS BAUMANN

Andreas Baumann unterzieht seine Welt einem Raster aus Fotografien: er lichtet Gegenstände Stück für Stück ab, läßt die Bilder in verschiedenen Labors entwickeln und setzt sie wieder zu ihrem Ursprünglichen zusammen. Dabei überlagern sich die Einzelbilder zum Teil, differieren in Farbe und Kontrast und schaffen so eine vibrierende neue Dingwelt. „ALLES IST SCHÖN“

JERZY OLEK

Recalling the Non-Present

Was ist Raum? Selbsterfüllung in der dreidimensionalen Realität. Was ist das Bild oder die Vorstellung des Raums? Eine schmale Spur der Selbsterfüllung.
Raum – die mit unseren Sinnen aufgenommene physikalische Realität – scheint unabhängig von unserer Wahrnehmung von ihr zu existieren. Daher kann die zweidimensionale Spiegelung einer ihrer Formen wie ein Beweis ihrer Existenz gesehen werden.
Und was passiert, wenn das Bild ein künstlich geschaffenes ist oder, um den Gedanken weiterzutreiben, wenn es vollkommen autonom ist? Wenn es absolut und unabhängig nur für sich selbst existiert? Denn es kam nicht in die Welt, um zu imitieren und zu bezeugen, sondern die freie Einbildungskraft durch seine provokante Form zu erregen.
Die Illusion echter Räumlichkeit in solchen Bildern widerspricht dem metaphysischen Raum und die Vielzahl ihrer möglichen Relationen kann es uns allein durch die Sprache der Kunst ermöglichen, von dem jeweils Vorhergehenden zu sprechen. Warum ist dies so? Weil nur die Kunst – indem sie uns die Vielzahl der Manifestationen der Welt enthüllt, deren wir nicht bewußt sind oder die wir nicht kennen – als gesammelte Erscheinung dessen, was nicht präsent ist, fungiert; ein intrigierendes, mysteriöses, unmögliches Nicht-Seiendes scheint eine neue, nicht korrumpierbare Bedeutung zu tragen.
In „Dimensionslosigkeit der Illusion“ (Bezuwymiar Iluzji), einer langen Serie imaginierter Räume, gebe ich die Ambition auf, mich auf irgendeine räumliche Realität beziehen zu wollen. Die künstlichen, erschaffenen Landschaften der Fotografie, Zeichnung und ihre Computertransformationen hinter mir erscheint, zu überwinden und andererseits hoffe ich immer, daß es eine Vielzahl von Räumen geben möge, auf die meine Bezeichnungen hinweisen. Ich glaube, daß die geometrischen Figuren, die ich mit Bleistift und Kamera zeichne, in mehr als einem künstlerischen Feld existieren können.

Jerzy Olek

KLAUS PAMMINGER

Zu den „Stand-by Inszenierungen“ von Klaus Pamminger

„Gleichzeitig mit der veränderten Stellung des Individuums in der Familie und in der Gesellschaft findet auch ein Stilwandel der Einrichtungsgegenstände statt. Couchen, Schlafecken, niedrige Tische, Regale und Anbauelemente verdrängen alte Garnituren.
Die Bauweise selbst wird in Mitleidenschaft gezogen: Das Bett verwandelt sich zur Kippcouch, die Anrichte und der Kasten übersiedeln in den Wandschrank, der verschiebbare Türen erhält. Die Dinge lassen sich nun zusammenklappen, ausziehen und schwenken, verschwinden auf Wunsch und sind im nächsten Augenblick wieder da.“
(Jean Baudrillard, Das System der Dinge, Joseph Garzuly (Übers.), Frank-furt/Main, New York: Campus, 1991, S. 25).

Jean Baudrillard, der in seinem Buch „Das System der Dinge“ unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen überprüfte, stellt für den modernen Gegenstand der späten sechziger/frühen siebziger Jahre eine Konzentration auf die singuläre Funktion und den damit zusammenhängend Verlust einer Korrelation mit anderen Dingen fest. Tatsächlich werden die uns täglich umgebenden Möbel, Alltagsgegenstände und Objekte, die wir seit frühester Kindheit zu betrachten gewohnt sind, kaum auf ihre Anordnung und Zusammenstellung und auf die sich daraus ergebenden Aussagen und Zusammenhänge hinterfragt, sondern fungieren einzeln im täglichen Getriebe von Arbeits- oder Tätigkeitsabläufen. Die skulpturalen Inszenierungen von Klaus Pamminger haben ihren Ausgangspunkt in eben dieser Hinterfragung mittlerweile konventionell gewordener Seh-Gewohnheiten. Was bedeuten die Bilder, die die Dinge des Alltaglebens in ihrer Plaziertheit evozieren und wie können Wahrnehmungs-Wahrnehmungen initiiert und verschärft werden? Die für die Generation Pammingers bestimmenden Jugendjahre – die siebziger Jahre – mit ihren typischen Tapeten- und Fliesenmuster, dem charakteristischen Warendesign und dem prägenden ästhetischen Geschmack bestimmen dabei häufig die Hintergründe der zunächst fotografisch festgehaltenen Arrangements von Gegenständen bzw. in manchen Fällen auch von Personen. Jene Kompositionen des Alltäglichen, als Abbild der Realität fotografisch auf Plexiglasscheiben festgehalten, beispielsweise Aschenbecher, Zigaretten und Häckeldecke, Lebensmitteldosen auf Regalen, Martiniflasche mit Glas und Oliven, Tischgedeck mit Sardinenbüchse und Miniatur-Stierschädel, ein Badezimmereck mit Waschbecken und Shampoos oder eine Wohnungstür mit aufgehängter Lederjacke und Gürtel gepaart mit den Symbolen und Mustern jenes Jahrzehnts rufen Erinnerungen an Vergangenes hervor und ermöglichen so die intuitive Einbeziehung des Betrachters. Nachdem jenes fotografische Abbild auf Plexiglas mit realen, aus der Fotografie bereits bekannten, Elementen kombiniert wird und einige der belichteten Stellen nachbearbeitet werden, verschwimmen Abgebildetes und Reales mit Imaginiertem und Zeit- und Raumgrenzen werden aufgehoben. Die Transparenz der Plexiglasscheiben legt einerseits die Sicht auf Dahinterliegendes frei, andererseits wird durch die gleichzeitige Spiegelung des Betrachters jener unmittlebar ins Geschehen einbezogen und somit für eine kurze Zeit selbst zu einem fotografischen „still“. Die Grenzen des Kunstwerks öffnen sich zum Ausstellungs-Wohnraum, der Betrachter ist zugleich Teilnehmer im räumlichen Ausstellungsablauf als auch an der künstlerischen Werkinszenierung. Die räumlichen und zeitlichen Bezugsebenen gehen ineinander über und manchmal hilft nur der Druck auf die imaginäre „stand-by“ Taste des Videorecorders, um wieder sicheren Boden unter den Füßen zu verspüren.

Sabine Schaschl