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Ausstellungen

PORTRAIT

3. März 2009 – 1. April 2009

Jerry Galle (BE), Caroline Heider (DE), Oleg Kasumovic (AT), Andrea Loux (CH), Laura Ribero (CO), Daniel Stier (DE)

Eröffnung: 2. März 2009 um 19.00 Uhr

Das Portrait als Spiegelbild unserer Gesellschaft, an dem sich der Einzelne individuell
orientiert – in dem vielschichtige Kommunikations- und Emotionsabläufe
in komplexen Verarbeitungsmechanismen und Integrationssystemen münden.
7 KünstlerInnen erforschen das soziale Feld in seiner Veränderbarkeit
bezüglich zeitkontextueller und ethnographischer Einordnungen und deren Bildsprache.

Jerry Galles computergenerierte Erinnerungsportraits gehen den
Prozessen von Bildern in ihrer Veränderung durch Sehen, Abspeichern, Abrufen
und Neugenerierung auf den Grund. Wie auch in den neuralen menschlichen Systemen
können Computer als poetische Maschinen mit einer eigens dafür entwickelten
Software über Algorithmen Fotografien und Sound in abstrakter Sprache neu
entwerfen. So ist in Galles experimentellen Videoarbeiten Portrait jedes Bild
einzigartig.

Caroline Heiders Faltbilder fragmentieren ikonografische Repräsentationsmechanismen
der westlicher Werbung oder Kunst. Die Falte bricht die Oberflächlichkeit
bekannter Sehmuster auf. Sie schafft Raum für veränderte Proportionen
und Wahrnehmungen, für jenes Gesellschaftsbild, das sich hinter perfekter
symmetrischer Ästhetik verbirgt. Like Models stehen ihre ProtagonistInnen
im White Cube des Bildraumes – doch werden grosse Teile ihrer Identität
verschluckt.

Oleg Kasumovics inszenierte und collagierte Selbstportraits sind
eine poetische und zugleich schonungslose Zusammenführung und Verdichtung
– eine Art Katharsis – aus eigener Lebensgeschichte, künstlerischer
Biografie und persönlichem Outings.
Die Jugend im Tito-Jugoslawien, die Sehnsüchte bzw. Einflüsse der Hollywoodfilme,
die Arbeit als Bühnenbildner – die Fotografie als Spiegel zur Eigenwahrnehmung
und Selbstreflexion in der Schönheit und Vergänglichkeit, sowie sexuelle
Orientierung und Begehren im Vordergrund stehen.

In der Videoarbeit Roulette zeichnet Andrea Loux das archetypische
Bild familiärer und sozialer Konstellationen einer Tischgesellschaft. In
einer zunehmend einengenden Kreisbewegung der Kamera, unterlegt mit teils bedrohlichem
Sound, bricht Normalität und Konvention ins Unheimliche. Loux dechiffriert
zwischenmenschliche Ambivalenzen, das Verdrängte in geschlossenen Systemen,
Zuneigungen und unterschwellige Aggressionen, und die Einsamkeit im Familienritual.

Ein zentrales Thema in Lucia Nimcovás Werk sind die massiven
Veränderungen denen zentral- und osteuropäische Gesellschaften in den
letzten Jahren unterworfen sind, einhergehend mit dem Verschwinden von Traditionen,
mit Generationskonflikten und dem Verlust an Lebensqualität. Die Fotoserie
Instant Women beleuchtet den Alltag von Frauen der Mittel- und Unterschicht. In
Nimcovás erzählerischer, einfacher, dennoch präziser Bildsprache
wird die Diskrepanz zwischen Wünschen, Träumen und Plänen der Portraitierten
und der sie umgebenden Realität offensichtlich.

Laura Riberos inszenierte Fotoserie electro-doméstica
spielt im Aufnahmestudio einer kolumbianischen populären Telenovela. Sie
portraitiert die Wünsche und klischeebeladenen Träume südamerikanischer
Armut im Sujet des vorproduzierten und konstruierten Märchens von Reichtum
und Glück; sie schlüpft selbst in die Rolle des Hausmädchens und
der damit verbundenen Sehnsucht des möglichen gesellschaftlichen Aus- und
Aufstiegs. Durch die Sichtbarmachung des Settings bricht sie die Aschenputtel-Thematik
auf und dekonstruiert die Illusion.

In Daniel Stiers Fotoserie in my country treffen MigrantInnen
in ihrer Originaltracht und das urbane Ambiente des globalisierten Londons aufeinander.
Traditionelle Bekleidung als kultureller Widerstand gegen den Verlust der eigenen
Identität, gegen das Verschwinden überschaubarer, fassbarer Gesellschaftsstrukturen
und kulturellem Erbe. Die Menschen, die Stier in ihrem gewohnten Umfeld portraitiert,
sind Teil dieses modernen Londons geworden und haben es durch ihre Geschichten
geprägt und mitgeformt.