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Ausstellungen

NURTURE

22. Feber 2022 – 26. März 2022

Jonathas de Andrade (BR), Anne Arden Mc Donald (US), Gertrud Fischbacher (AT), Catherine Ludwig (DE), P L A T E AU  R E S I D U E (SI), Bärbel Praun (DE), Sebastian Reis (AT), Claudia Rohrauer (AT)

BILDER | Cinemathek |

Eröffnung: Montag, 21. Februar 2022, 19.00 Uhr

Einleitende Worte: Petra Noll-Hammerstiel

Galerierundgang mit Maria Holter und Johan Nane Simonsen
im Rahmen von FOTO WIEN: Freitag, 25. März 2022, 16.00 Uhr
Finissage: Freitag, 25. März 2022, 18.00–21.00 Uhr

Die Ausstellung findet im Rahmen von FOTO WIEN (9.–27.3.2022) statt. www.fotowien.at

Die ausbeuterischen Eingriffe der Menschen in Natur und Umwelt haben über die Jahrhunderte graduell zugenommen. Die Menschen sind aber auch die einzigen, die verursachte Schäden wieder rückgängig machen oder die Situation zumindest verbessern können. Der Ruf nach einem sorgsameren Umgang mit der Natur wird lauter, wobei „Reparaturen“ die Gefahr neuerlicher Kontrolle und Beherrschung durch den Menschen in sich bergen. Eine Neubewertung unseres Blicks auf die Natur und deren Pflege, „nature and nurture“, ist vonnöten. Zu dieser Thematik liefern die Arbeiten der ausstellenden Künstler:innen mit ihren vielfältigen Zugangsweisen neue Denkansätze. Sie hinterfragen den menschlichen Versuch, Natur bzw. Landschaft zu gestalten und für sich nutzbar zu machen, sie untersuchen touristisches Freizeitverhalten, den Umgang mit Tieren und die Auswirkungen von Klimawandel und Vermüllung der Umwelt. Zudem gibt es ganz anders geartete Arbeiten, die aus chemischen Prozessen oder anderen Bildmanipulationen entstanden sind. Angesiedelt zwischen naturwissenschaftlicher Zugangsweise und abstrakter Darstellung, wollen sie – neben medienreflexiven Ansätzen – unsere Wahrnehmung und unsere Gefühle für die Schönheit natürlicher Gegebenheiten sensibilisieren.

Eine irritierende Situation hat Jonathas de Andrade in seinem zwischen Fakt und Fiktion angesiedelten Kurzfilm O Peixe (Der Fisch) geschaffen. Er lässt Fischer von der brasilianischen Nordostküste ein Ritual durchführen, bei dem sie – von ihnen mit verschiedenen Methoden zuvor gefangene – Fische in noch lebendigem Zustand umarmen und streicheln. Aus der männlichen Macht und Gewalt bei Fang und Bändigung der Beute werden Gesten voller Sinnlichkeit. Aber es sind aufgrund des dadurch provozierten Erstickungstods der Fische auch Szenen voller Grausamkeit. Der dialoglose, von Umweltklängen bestimmte Film, in dem sich aus einer entspannten Fahrt durch tropische Gewässer und der Erzählung über das handwerkliche Tun der Fischer diese unerwartete Wendung entwickelt, versteht sich als Metapher für einen liebevollen und bewussten Umgang mit der Kreatur und als Brechung von Konventionen der Männlichkeit, was durch die zehnfache Wiederholung noch an Brisanz gewinnt.

Ein Resultat der experimentellen Beschäftigung von Anne Arden McDonald mit den Möglichkeiten kamera- und negativloser Fotografie sind Chemigramme, die sie mit natürlichen Chemikalien oder auch in Verwendung von Haushaltsreinigern und -materialien sowie Bleichmitteln und in speziellen Lichtsituationen im Labor herstellt. Für die Ausstellung hat sie drei riesige Silbergelatin-Prints (Buoyance, Planet und Bone), die sie als „chemische Gemälde auf Papier“ versteht, in drei Meter lange Vinyl-Banner übersetzt. Diese äußerst ästhetischen Arbeiten zeigen Kreise und Kugeln, mit denen sie Planeten und Atome visualisieren möchte, die Schönheit des Makro- und Mikrokosmos des Lebens. „Die Besessenheit von Kreisen,“ so sagt sie, „hängt auch mit der Suche nach einem Gefühl der Ganzheit zusammen“ – ein Streben nach einem Einklang mit sich selbst und der umgebenden Natur.

Gertrud Fischbachers analoge Schwarz-Weiß-Prints der Serie Landscape Storys sind mit einer alten Kamera in Norwegen entstanden. Die Arbeiten sind Teil ihrer Auseinandersetzung mit der Darstellung und Wahrnehmung von Naturräumen, mit Naturschönheit im Gegensatz zu Kunstschönheit. Sie hinterfragt die fotografischen Möglichkeiten eines heute relevanten Naturbildes. Die Vorstellung Fischbachers, dass eine schöne Natur bzw. Landschaft ein ebensolches Bild liefern müsste, wurde durch die Kameratechnik zunichte gemacht, denn der Film ließ sich nicht zurückspulen und verursachte Kratzer auf dem Negativ. Durch diese „eingeschriebene Zeichnung“ konnte eine andere Ebene der Ästhetik erreicht werden. Zudem wird durch die Spuren auf die Instabilität der Schönheit der Natur verwiesen, die bedingt ist durch die Eingriffe der Menschen.

Catherine Ludwig beschäftigt sich kritisch mit dem globalen Phänomen kollektiven Freizeitverhaltens und dem damit verbundenen Massentourismus. Sie zeigt medienübergreifende Arbeiten (Scherenschnitte, manipulierte Fotos, kartografische und diagrammartige Darstellungen) aus den Werkgruppen On the Swiss trail of Thomas Cook’s „Internationale Pauschalreisen“: 1863 – 2019 und SCHNEE VON GESTERN? In letzterer setzt sie sich mit dem Skitourismus und im Hinblick auf diesen mit der fortschreitenden Domestizierung vormals vielfach unberührter Gebirgslandschaften auseinander. Ihre künstlerischen Forschungen geben nicht nur Einblick in das zerstörerische Potential des menschlichen Raubbaus, sondern auch in zwischenmenschliche Beziehungen („Wir sind alle Touristen. Und jedem anständigen Touristen missfallen die anderen Touristen“, Ilija Trojanow), politische Zusammenhänge und zugrundeliegende Machtstrukturen in verschiedenen Epochen und Räumen.

Die Videoarbeit Alma Mater des Künstlerpaars P L A T E AU R E S I D U E beschäftigt sich mit den Folgen der globalen Erderwärmung am Beispiel der Eishöhle in Kunč im Kočevski-Bergplateau in Slowenien. Das permanente Eis hat sich in dieser besonders niedrigen Höhle in zehn Jahren aufgrund milder Winter mit wenig Schnee und warmen Sommern um einen Meter verringert. Das Video dokumentiert die künstlerische Arbeit in der Höhle. Die Künstler:innen haben eine Linse aus Eis geformt und damit das Innere der Höhle aufgezeichnet. Das Absurde an der Situation ist, dass das schwindende Objekt (Eisdecke) durch das tatsächliche Material (Eislinse), das sich gleichzeitig auflöst, festgehalten wurde. Am Ende ist die Eislinse vollständig geschmolzen.

Die Fotoserie Impermanent Sculptures (of Indestructible Objects) von Bärbel Praun ist Teil der aktuellen Arbeit der Künstlerin, in der sie sich engagiert in zahlreichen Medien mit den Problematiken Abfall, Konsum und Umweltverschmutzung auseinandersetzt. Die Arbeit wird als Bodeninstallation mit Blöcken aus mitnehmbaren Prints realisiert. Auf Spaziergängen und Wanderungen sammelt sie weggeworfenes, in der Natur entsorgtes Material und fertigt daraus vor Ort innerhalb eines bewusst gesetzten engen Zeitraums temporäre Skulpturen an. Diesen Moment von Balance und Zerbrechlichkeit hält sie fotografisch fest. Der Titel – „unbeständige Skulpturen von unzerstörbaren Objekten“ – bezieht sich sowohl auf den ephemeren Aspekt der Skulpturen als auch auf den langen Zeitraum des Abbauprozesses von Materialien, die zum großen Teil Resultat unseres unverantwortlichen Konsumverhaltens sind.

Sebastian Reis zeigt eine Installation aus zwei jeweils großformatigen Tableaus mit Baryt-Prints (Glashaus und Baustelle) und Gipsobjekten (Erdmodelle). Zugrunde liegt seine Auseinandersetzung mit dem Versuch der Menschen, die sie umgebende Natur längerfristig zu gestalten, um sie sich nutzbar zu machen. Für Erdmodelle grub er mit der Hand Löcher in der Form der Erdkugel in den Boden und goss sie mit Gips aus. Dies spielt sowohl auf die Vorstellung von Gott als Künstler bei der Erschaffung der Welt als auch auf das Verständnis vom Künstler als Schöpfergestalt an. Die im Hintergrund der Objekte installierten Schwarz-Weiß-Fotoarbeiten entstammen einer fortlaufenden Serie, die sich ebenfalls den Eingriffen der Menschen in die Natur widmet. Neben den ökokritischen Aspekten beschäftigt sich Reis auch mit Fragen nach dem Ursprung von Bildern und Objekten und deren Repräsentation, die durch kulturelle Vorstellungen geprägt sind.

Die Schwarz-Weiß-Sandfotogramme der Serie Dune Reconstructions sowie die Buchinstallation Grain Provocation gehören zu der Werkgruppe PARNIDIS GRAIN STUDIES, in der Claudia Rohrauer einen ortsspezifischen Ansatz – die Erforschung der Parnidis-Düne an der Kurischen Nehrung in Litauen – mit fotografischen Fragestellungen wie Körnigkeit, Auflösung und Empfindlichkeit verbindet. Die Annäherung an die Landschaft geschieht, indem sie einen Zusammenhang zwischen dem Sandkorn als Grundbestandteil der Düne und einem Silberkorn als Basis der analogen Fotografie herstellt. Der Abstraktionsgrad der Baryt-Prints in Grain Provocation wurde in den Sandfotogrammen Dune Reconstructions in der Dunkelkammer noch intensiviert, das Sandkorn zeigt sich direkt am Papier im Maßstab 1:1. Es sind abstrakte Arbeiten entstanden, die zwischen einer naturwissenschaftlichen und poetischen Darstellung changieren.

Petra Noll-Hammerstiel