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Ausstellungen

ANDERSWO II

Stipendiaten des BMWFK (Abteilung Fotografie) der letzten 5 Jahre für Rom, London, Paris und New York

4. Juli 1996 – 3. August 1996

Max Aufischer (AT), Alexandra Baumgartner (AT), Thomas Freiler (AT), Susanne Gamauf (AT), Matthias Hammer (DE), Robert F. Hammerstiel (AT), Ralf Hoedt (DE), Barbara Holub (AT), Angelika Kampfer (AT), Sigrid Kurz (AT), Paul Albert Leitner (AT), Rudolf Macher (AT), Michael Michlmayr (AT), Eva Maria Ocherbauer (DE), Hanns Otte (AT), Margot Pilz (AT), Ella Raidel (AT), Thomas Redl (AT), Gue Schmidt (AT), Klaus Schuster (AT), Andrea Van der Straeten (DE), Christian Wachter (AT), Johannes Wegerbauer (AT), Robert Zahornicky (AT)

Kataloge | Schwerpunkt: ANDERSWO 1996

Der Schwerpunkt 1996, Anderswo, umfasst vier Ausstellungen zum Thema Reisefotografie. Die verschiedenen Arbeiten bieten unterschiedliche Standpunkte subjektiver Auseinandersetzung mit der visuellen Begrifflichkeit des Reisens. Die KünstlerInnen in Anderswo I sind Reisende, die mit Fundstücken, mit Souvenirs zurückkehren und sie fotografisch weiterverarbeiten. Auch die weiteren Ausstellungen haben jeweils eine thematische Zentrierung. In Anderswo II geht es um Ortsbestimmungen. Die poetischen strengen Dokumentationen in Anderswo III sind Spurensuche, Reisen in die Vergangenheit und Finden der persönlichen Wurzeln. Anderswo IV beschäftigt sich mit subjektiven Topographien – soziopolitischen Strukturen und Lebensbedingungen, aufgesucht durch virtuelle, über den Bildschirm vermittelte Reisen und durch das klassische Reisen und Dokumentieren vor Ort.

In der zweiten Ausstellung zum Schwerpunkt Anderswo geht es den ausstellenden Stipendiaten des BMWFK (Abteilung Fotografie) für Rom, London, Paris und New York der letzten fünf Jahre um Ortsbestimmungen.

. . . sich den anderen Ort bestimmen . . .:

In eine fremde Stadt reisen – nicht vorbeiziehende Bilder der Reisebewegung, der Reisezustand oder Transit selbst sind das Thema, sondern der Aufenthalt an einem fremden Ort, das befristete Sicheinrichten im anderen Raum. Lange genug anderswo sein, um die unvertraute Umgebung in ihren Besonderheiten zu erkunden, um eigene, „fremde“ Gewohnheiten zu entwickeln, sich einen anderen Alltag zu konstruieren.
In der Beschäftigung mit dem Ort entstehen mitunter Blickweisen, die an ihn gebunden sind, Sehgewohnheiten gehen verloren oder verstärken sich. Das subjektive Befinden und Interesse beim Bestimmen des Draußen, der Objekte des Schauens, und das eigene innere Verorten ergeben einen Prozeß von Blickumwandlungen zwischen bekannt – unbekannt, fremd – vertraut, der die künstlerischen Verarbeitungen bestimmt.
Die Metropolen Rom, Paris, London und New York evozieren als Orte eine Flut präfigurierter Bild- und Handlungsphantasien, sie haben gewisse Strukturen, die großen Städten gemeinsam sind und weisen dennoch ausgeprägte historische und ästhetische Differenzen auf. Stadt als architektonischer Raum und Stadt als soziales Verhältnis, als Erlebniszustand und menschlicher Lebensraum, definiert sich über menschliche Aktivitäten. In der künstlerischen „Abbildung“ verweist das materielle Objekt häufig auf das menschliche Subjekt, selbst wenn dieses nicht physisch präsent, nicht Gegenstand des Bildes ist.
Die KünstlerInnen dieser Gruppenausstellung sind den vielschichtigen Aspekten mit unterschiedlichen formalen, theoretischen und inhaltlichen Überlegungen nachgegangen. Dabei entstanden Arbeiten, die eine Auseinandersetzung mit der fremden Stadt jenseits gängiger Klischées formulieren.
Die Stadtstruktur bedingt das Sehtempo und die menschliche Wahrnehmungsgeschwindigkeit, die für Susanne Gamauf oder Sigrid Kurz das Thema sind – die aus dem Augenwinkel wahrgenommene Umgebung, das Aufspüren einer bestimmten „Stadtzeit“, atemloses Verschwimmen der Konturen oder Schnelles, Beiläufiges, Blicke auf öffentliche Gebäude, Szenen und Räume, Übergänge von außen und innen, wie sie beim Autofahren oder beim schnellen Durchgehen mit der Videokamera festgehalten oder fotografiert werden. Menschen sind zufällig im Bild, nichts bestimmtes ist gesucht. Bei Elfriede Baumgartners Beschäftigung mit gotischer Kirchenarchitektur in Paris ist das langsame, genaue Betrachten Notwendigkeit, erzwungen von den Distorsionen der Dämonen und Chimären der Kathedralen. Dieses notwendige Fokussieren wiederholt sich in der Darstellungsstrategie – der Betrachter muß sich den Bildinhalt durch Konkav/Konvex-Linsen blickend erarbeiten.
Touristisch kodierte Konnotationen der Städte und ihrer sogenannten Wahrzeichen werden aufgebrochen: das Wachsfigurenkabinett Madame Tussaud’s ist fester Bestandteil jeder Londonrundfahrt – bei Klaus Schuster wird das fotografische Portraitieren der Wachsgesichter zu einer irritierenden Auseinandersetzung mit der Eigenschaft des lebendigen Auges und individueller Identität. Bei Johannes Wegerbauer erhält das Empire State Building die gleiche Bildbehandlung wie das Portrait des Transvestiten Carolin, Stadt und Bewohner bilden eine ikonische Kategorie.
Die Atmosphäre der Stadt ist Produkt der Stadtarchitektur, welche die Lebensqualität und den Ausdruck öffentlichen Lebens mitbestimmt. Bei Gue Schmidt fasziniert die „Innerlichkeit“ Roms, der Stillstand der Zeit in Gebäuden. Dann gibt es einerseits das Erleben des städtischen Zeitlosen großer Plätze wie bei Paul Albert Leitner und andererseits den scheinbar zeitlosen Charakter der Monumentalarchitektur selbst, wie in den Camera Obscura-Aufnahmen von La Defense in Paris bei Thomas Freiler. Diesem steht der zeitbedingte und beliebige Zustand der römischen Gebrauchsarchitektur von Vorstädten der 1950er- bis 1970er-Jahre bei Ralf Hoedt gegenüber. Und Hanns Otte folgt ganz einfach dokumentarisch seiner Empfindung des Schönen, die in der Arbeit über die Ästhetik der Pariser Friedhöfe resultiert. Wenn bei Thomas Redl noch das Monument als Objekt im Bild ist, so wandelt Barbara Holubs konzeptueller Zugang wiederum in Global Roma Namen römischer Monumente und Texte zu Objekten um, konfrontiert sie mit verschiedenen Örtlichkeiten und Tönen – in der Kühlvitrine einer Geflügelhandlung installiert oder in den Händen von Nonnen am Petersplatz. Christian Wachters London-Blick fällt auf eine Steinmauer, die zugleich Heimat und Fremde bedeutet, die die Ambiguität von Sehen und Erinnern eines Ortes bezeichnet.
Die Stadt ist vorwiegend definierbar über die Aktivitäten ihrer Bewohner, die wiederum besondere und charakteristische Atmosphären erzeugen. Robert Zahornicky zeigt Bodenproben von Roms Via Appia Antica und Kirchentreppen, die Stadt als Ort der frommen Pilger und des Gebetes bei Tag und als Raum sexueller Aktivität in der Nacht. Die Qualität der römischen Nacht mit ihrem Transfer des Banalen ins Rätselhafte bestimmt Max Aufischers filmischer Montage gleiche Bildsequenzen, während Andrea van der Straeten die Stadt abgeht und den Jahreszeiten entsprechende Fundstücke – Schuhe und Handschuhe – aus Rom mitbringt und diese selbst anstelle von Abbildungen installiert. Die Videobilder aus der Arbeit Sete/Durst von Margot Pilz spüren den mythologisch-kulturellen Ausdrucksformen eines Elements nach – dem Wasser, das Grundbedingung der Existenz der Stadt als menschlicher Ballungsraum ist.
Die Großstadt ist als Ort von Produktion und Konsum materieller Dinge, als Raum der Werbung und Verführung Thema anderer künstlerischer Annäherungen: Matthias Hammer erfindet in New York den Geschmacksverstärker, der bildlich „Instant pleasure“ verspricht, Robert F. Hammerstiel geht seriell hergestellten Produkten wie Pariser Stuckrosetten als Elementen von Stadtarchäologie nach. Dabei ergeben und wiederholden sich Muster, Abstraktionen – wie auch bei Michael Michlmayr.
Eva Maria Ocherbauer untersucht in Paris sinnlich-konkrete Objekte fremder Schaufensterauslagen – Fische, Ledertaschen, Plüschtiere – und isoliert sie fotografisch. Fragmente von Architekturen, Maschinen oder Menschen finden sich gleicherweise und wie zufällig in der Londoner „Blicksammlung“ von Rudolf Macher.
Im Umgang mit der fremden Stadt stehen Arbeiten wie Ella Raidels Fotos von leeren Londoner Galerieräumen für eine bestimmte künstlerische Position: „Ich empfinde nahezu Ablehnung, durch eine fremde Stadt mit der Kamera zu laufen, um Stadt, Land und Leute zu fotografieren. Es würde das Gefühl des Fremdseins bloß verstärken.“
Die dokumentarischen Portraits von Angelia Kampfer, Menschen in der Altstadt Roms, entstehen aus einem vertrauten Verhältnis zu den Portraitierten, sie stehen in der Tradition ethnologischer Fotodokumentationen und formulieren damit die gegensätzlichste Thematik und Herangehensweise innerhalb dieser Ausstellung: „Ich habe mit den Arbeitern, Händlern und Handwerkern meiner unmittelbaren Umgebung gesprochen, sie kennengelernt und portraitiert.“
Dieser Querschnitt durch die künstlerischen Arbeiten der Stipendiaten zeigt das weite formale Spektrum der österreichischen aktuellen Fotografie: Unterschiedlichste Bildmedien, Darstellungsformen und künstlerische Verfahrensweisen, Abstraktes und die Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Wahrnehmung, Konkretes wie klassische Architekturfotografie oder dokumentarische Portraitfotografie bis zu Mixed-Media-Installationen, das Bild selbst ständig in Bewegung, von grafischer bis zu filmischer Verwendung, als Folie oder als Wandfries oder in seiner Rückführung und Aufhebung im Gegenstand selbst befindlich.
Die Arbeiten der Stadtaufenthalte sind somit Ergebnisse von Ortsbestimmungen, in welchen das Spannungsverhältnis zwischen eigenem künstlerischem Ausdruck und dem Einfließen und Übergreifen der Eigenheiten des fremden Ortes ins Bild wesentlich ist – als konkrete Teilrealisierungen vor Ort der jeweiligen künstlerischen Gesamtprojekte wie auch als subjektive Lokalisierungen der KünstlerInnen selbst.

(textliche Betreuung: Ulrike Davis-Sulikowski