NARRATIVE II
Eröffnung: Montag, 16. März 2026, 19.00 Uhr
Einführende Worte: Christina Natlacen
Als Schwerpunkt für die Jahre 2025/2026 hat das kuratorische Team der Fotogalerie Wien das Thema NARRATIVE gewählt, eine Beschäftigung mit narrativen Strategien und Strukturen in der zeitgenössischen Foto- und Videokunst. Die drei dazu entwickelten Ausstellungen basieren auf einer zeitlichen Einordnung: Der erste Teil, Topografien der Erinnerung, wirft einen Blick zurück in die Vergangenheit in Form einer Auseinandersetzung mit Archivmaterial, Geschichtsschreibung sowie kollektiver und individueller Erinnerung. Im zweiten Teil, Gegenwartsformen, geht es um die Frage, welche neuen Erzählweisen aus digitalen Medien gewonnen werden können, sowie um die Auseinandersetzung mit der überwältigend großen Anzahl ständig verfügbarer Narrationen einer vernetzten Welt. Im dritten, auf die Zukunft gerichteten Teil dominieren visionäre, fiktionale und spekulative Erzählweisen, basierend auf der Sehnsucht danach, die Welt anders zu denken oder ihr zu entfliehen.
Lineare und eindeutige Erzählstrukturen werden in den künstlerischen Arbeiten der drei Ausstellungen durch diskontinuierliche, fragmentarische, zirkuläre oder auch Darstellungen zwischen Dokumentation und Konstruktion ersetzt. Erwartungen werden gebrochen bzw. festgefahrene Narrationen gestört oder aufgelöst zugunsten multiperspektivischer Narrative. Es geht in dem Schwerpunkt auch um das Erzählen selbst: wie, warum und was von wem (nicht) erzählt wird und wie sich Bedeutungen, Sprache und Kommunikation verändern.
Längst ist unsere Gesellschaft in einer Welt der Post-Narrative angekommen. Statt der großen identitätsstiftenden Erzählungen der Moderne sind wir einem permanenten „Tsunami der Information“ (Byung-Chul Han) ausgesetzt. Das manische Akkumulieren von Daten und das unaufhörliche Rauschen der Kommunikation sind an die Stelle der Erzählung als gemeinschaftsbildendes Moment getreten. NARRATIVE II: Gegenwartsformen versammelt künstlerische Arbeiten, die diese Phänomene unserer digitalen Wirklichkeit aufgreifen, kritisch untersuchen, aber auch umkehren. Als Gegenentwürfe zu unserer mediatisierten Alltagswelt wohnt ihnen eine poetische Kraft inne, die wiederum neue Formen der Narration hervorzubringen vermag.
Benjamin Friedle erzählt in Worte aus Bildern aus Fotos aus Formen von der Oberfläche unserer Gegenwart, an der sich die Linien zwischen dem Digitalen und der Realität immer mehr verflüssigen. In drei Werkteilen werden ausgewählte Narrative des Mediums Fotografie miteinander zu einem Geflecht verwoben: Worte aus Bildern verknüpft persönliche Beobachtungen zum Einsickern fotografischer Diskurse in die Alltagssprache mit theoretischen Reflexionen, Bilder aus Fotos überschreibt Fotografien konkreter Orte kleinteilig mit KI-generierten Variationen, während Fotos aus Formen aus Abgüssen fotografischer Infrastrukturen besteht – von Entwicklerschalen zu Festplatten. Die Arbeit macht sichtbar, dass abstrakte Prozesse wie Wahrscheinlichkeiten und algorithmische Entscheidungen mehr und mehr zu konstitutiven Elementen zeitgenössischer Bildproduktion geworden sind.
Die Sprache – der Grundstein eines jeden Narrativs – sowie deren Beziehung zum Bild steht im Mittelpunkt des mehrteiligen Videos Imagine Language (Day_00, Day_03, Day_01) von Chantal Kaufmann. In ihm werden drei verschiedene Arten der Bedeutungsproduktion zur Darstellung gebracht: erstens im Rückgriff auf einen vorsprachlichen, ganz auf dem Rhythmus von Bildern beruhenden Modus, zweitens durch konkretes Zeigen von Wörtern im Moment des Entstehens einer Syntax und drittens in Form einer Verknüpfung von Bild und Text anhand einer offenen Untertitelspur. Ein Strom von Realitätssplittern rauscht in rasantem Tempo an den Augen der Betracher:innen vorbei und lädt dazu ein, eigenen Erinnerungen und Assoziationen ihren Lauf zu lassen.
Die Werkgruppe der Memory Objects (grey) von Ulrich Nausner besteht aus genormten Halterungsstangen und Abdeckungsplatten, die zum Verwahren von Servern in großen Datenzentren eingesetzt werden. Ohne substanzielle Manipulationen direkt aus dem Alltag aufgegriffen, verweisen sie mittels ihrer spezifischen Identität (Server-Rack) auf einen konkreten Inhalt (Daten/-speicherung), werden aber so reduziert eingesetzt, dass eine Zuordnung erst über den Titel eindeutig zu entschlüsseln ist. Kombiniert wird die großflächige Wandinstallation mit der neuen Arbeit der Tag Clouds, in der Begriffswolken von ausgewählten Büchern über Sprachkunst und Medientheorie durch ihre Dekontextualisierung in Form von Pigmentdrucken zu konkreter Poesie gerinnen.
In ihrer Arbeit Pocket Fotogalerie baut Mara Novak ein Modell des Ausstellungsraumes im Maßstab 1:200 nach und funktioniert es durch Lochblenden zur Camera Obscura um. Die „dunkle Kammer“ ist dabei nicht nur Objekt der Ausstellung, sondern auch aktiv produzierendes Bildinstrument, in dessen Inneren Fotopapier belichtet wird. In Folge schreibt sich ein Abbild des realen Raumes ein, das auch die anwesenden Besucher:innen Teil des fotografischen Prozesses werden lässt. Die im Direktpositiv-Verfahren entstandenen und in einem temporären Fotolabor vor Ort entwickelten Aufnahmen lösen sich auf visueller Ebene von der Realität: Sie sind abstrahiertes Abbild des Galerieraumes und zugleich schematischer Plan der architektonischen Struktur.
Amar Priganica & Philipp Zöhrer präsentieren mit ihrer Arbeit Be not afraid eine Klangskulptur, deren sphärische Töne auf Übermenschliches verweisen. Ein schwarz bemalter Lautsprecher wird in einer Raumecke befestigt, jenem Ort, wo traditionell russisch-orthodoxe Ikonen angebracht werden und den bereits Kasimir Malewitsch bewusst für sein berühmtes abstraktes Gemälde ausgewählt hat. Aus diesem schallt es, als würde etwas preisgegeben – und doch gibt es trotz Jubilierens, Verkündens, und Prophezeiens kaum etwas zu sagen. Das schwarze Loch verdreht Narrative, saugt ein, relativiert und zerstört. Es erklingen Botschaften ohne erkennbaren Ursprung, ohne Dialog, ohne Inhalt – entscheidend ist allein, dass übermittelt wird.
Jenny Schäfer lädt in ihrem Künstlerinnenbuch sowie ihrer Wandarbeit Jede Hand ein Oktopus zwischen versunkenen Ruinen, dekorativen Fake-Antiquitäten und Unterwasserfantasien zu einer Suche nach einem Atlantis der Gegenwart ein. Ausgehend vom antiken Mythos fächert sie gleich einem Kaleidoskop die zahlreichen Narrative einer zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Atlantis auf. Diese siedeln sich zwischen popkulturellen Verweisen, kindlichen Märchenwelten und eskapistischen Träumen, aber auch politisch motivierten Verschwörungserzählungen an. Solche Erzählungen konstruieren geheime Eliten, „verlorene Reinheit“ oder überlegene Zivilisationen. Dadurch können sie in rechte Denkstrukturen kippen, die mythische Vergangenheit zur Legitimation ausgrenzender Weltbilder nutzen.
Vor dem Hintergrund einer sich sukzessive beschleunigenden Gegenwart, in der Datenströme und schreiende Schlagzeilen nie abreißen, begibt sich Noyan Tuna mit seiner analogen Handkamera auf die Suche nach Orten, in denen das Maß des Menschlichen noch gewahrt ist. Sein Film Notes to Myself entpuppt sich als ein poetisches Reisetagebuch über das Gehen, das Pausieren und das bewusste Ankommen in einer Welt, die niemals anhält. Zwischen den Schritten öffnen sich Räume der Stille – Momente, in denen Freiheit und Menschlichkeit wieder spürbar werden. Unter dem fernen Druck von Konflikten zeigt der Film, wie Pausen als zarte Rebellion gegen das unaufhörliche Voranschreiten der Welt wirken können.
(Christina Natlacen)
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Display Cabinet No. 4: HANS SCHABUS
21. September 2025 — 14. Feber 2026
In dieser Ausstellung sind Teile eines Schildes mit dem Wort „Maintenant“ zu sehen. Das ist Französisch und bedeutet „Jetzt“. Das Schild war letztes Jahr Teil einer Kunstaktion. Für eine Ausstellung in Frankreich. Es ging um Aktivismus (also Protest) und um Kunst. Beides – Aktivismus und Kunst – will, dass etwas sichtbar wird. Wenn etwas wichtig […]
